Was ist das Wesentliche an einer Ausstellung, was kennzeichnet die gedruckte Begleitpublikation? Wie unterscheiden sich diese Medien?

Dieser Frage wird am Beispiel der Ausstellung „Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst“ und ihrer Begleitpublikation nachgespürt. Die Ausstellung war im Sommer 2018 im Kunsthaus Zürich zu sehen. Es ging um die „subversiven Momente der Modegeschichte“ und darum, wie sie in der Kunst widergespiegelt werden.

Eine Ausstellung lebt vom Ruf eines Museums, von seiner besonderen Atmosphäre, den Originalen mit ihrer Aura, der räumlichen Inszenierung und besonderen technischen Akzenten. Man nimmt bewusst die Größe der einzelnen Objekte wahr und setzt sie ins Verhältnis zu anderen Exponaten. Wer war nicht bei seinem ersten Besuch im Louvre erstaunt darüber, wie klein das Bild der Mona Lisa ist, wo es doch seiner Berühmtheit wegen in der Phantasie zu einem riesengroßen Gemälde angewachsen war.

In einer Ausstellung ist man in Bewegung und umgeben von anderen Besuchern, deren Beobachtung ein eigenes Unterhaltungsprogramm sein kann.

Themensaal „Faltenwürfe im Barock“, im Mittelpunkt Dietrich Theodor Meyer d. Ä. „Bildnis des Junkers Hans Caspar Schmid von Goldenberg“, 1622, Privatbesitz; im Hintergrund rechts ein Harnisch aus dem 16. Jh. Foto © Rose Wagner

Themensaal „Faltenwürfe im Barock“, im Mittelpunkt Dietrich Theodor Meyer d. Ä. „Bildnis des Junkers Hans Caspar Schmid von Goldenberg“, 1622, Privatbesitz; im Hintergrund rechts ein Harnisch aus dem 16. Jh. Foto © Rose Wagner

Ein Ausstellungsbesuch kann sowohl ein ästhetisches als auch ein soziales Erlebnis sein und lange in Erinnerung bleiben.

Was leistet dagegen der gedruckte Katalog einer Ausstellung? Welche Bedürfnisse befriedigt er? Kann er mehr sein als eine mit belehrenden Texten angereicherte fotografische Dokumentation?

Modeausstellungen sind Publikumsmagneten, und auch reine Kunstmuseen möchten von der Strahlkraft der Mode profitieren. Spritziges und Unterhaltendes sollen ein breites Publikum anziehen. Doch auch ein intellektueller, der Kunstvermittlung dienender Anspruch muss erkennbar bleiben. Von solchen Häusern darf das erwartet werden.

Eine Skulptur von Rodin (Teil der „Bürger von Calais“), eingekleidet von Jacob Lena Knebl, im Foyer des Kunsthauses. Foto © Rose Wagner

Eine Skulptur von Rodin (Teil der „Bürger von Calais“), eingekleidet von Jacob Lena Knebl, im Foyer des Kunsthauses. Foto © Rose Wagner

Zeitlich reichte der ambitionierte Parcours in „Fashion Drive“ von der Renaissance, über die Französische Revolution, Barock und Wiener Kongress bis in die Gegenwart. Spezifische sozial-kulturelle Entwicklungen der Moderne  wie „Macaroni, Incroyables, Dandys“ und „Mode und Öffentlichkeit“ wurden genauer unter die Lupe genommen sowie etwas, das geheimnisvoll als „Posthuman und holistisch“ bezeichnet wurde.

Themensaal „Mode und Öffentlichkeit“, links Installation „Mondrian dress rack“ von Sylvie Fleury. Foto © Rose Wagner

Themensaal „Mode und Öffentlichkeit“, links Installation „Mondrian dress rack“ von Sylvie Fleury.
Foto © Rose Wagner

Die Ausstellung „Fashion Drive“ lebte von ihren visuellen Arrangements, überraschenden Blickachsen und dem Gegenüber von historischen Gemälden mit Modedesign der Gegenwart.

Vivienne Westwood, Kleid aus der „Cut, Slash & Pull Collection“, 1990, Leihgabe des Victoria and Albert Museum. Foto © Rose Wagner

Vivienne Westwood, Kleid aus der „Cut, Slash & Pull Collection“, 1990, Leihgabe des Victoria and Albert Museum. Foto © Rose Wagner

In einem entgrenzten Kunstverständnis wurden alle Kunstformen – einschließlich temporärer textiler Arrangements und Film – einbezogen.

Exponate wie die Fotografie von zwei nackten Menschen auf Bäumen (Wolfgang Tillmans „Lutz & Alex, climbing tree“, 1992) oder eine mit einem T-Shirt bezogene Rührschüssel boten Gelegenheit zum Nachdenken über den der Ausstellung zugrundeliegenden Kunstbegriff und das Verständnis von Mode und Modetrieb.

Michael E. Smith „Fat Albert“, Rührschüssel überspannt mit T-Shirt, 2013, Sammlung Oehmen. Foto © Rose Wagner

Michael E. Smith „Fat Albert“, Rührschüssel überspannt mit T-Shirt, 2013, Sammlung Oehmen. Foto © Rose Wagner

Köstlich waren die in großer Zahl von der Lipperheideschen Kostümbibliothek in Berlin ausgeliehenen Karikaturen über Modetorheiten des 19. Jahrhunderts. In ihnen wird der Modetrieb mit seinen Überspitzungen und seiner potentiellen Unangepasstheit deutlicher als in vielen anderen Darstellungen.

Bilder geben nicht unbedingt die Wirklichkeit wider, sondern müssen interpretiert werden. Zur Vermittlung dieser Grundeinsicht eignen sich Kataloge besser als Ausstellungen, in der das Schauen im Vordergrund steht und nicht das Lesen. Der Katalog „Fashion Drive“ setzt auf Belehrung durch das Wort und liefert ausführliche Bildbesprechungen.

Wer in der Ausstellung das Ölbild von Élisabeth Vigée-Lebrun aus dem Jahr 1783 betrachtete, das die französische Königin Marie-Antoinette in einem duftigen, weißen Musselin-Gewand zeigt, hatte womöglich keine Vorstellung davon, wie skandalträchtig diese Aufmachung seinerzeit war.

Marie Louise Élisabeth Vigée-Lebrun „Marie-Antoinette en chemise“, 1783, Hessische Hausstiftung, Kronberg im Taunus. Foto © Rose Wagner

Marie Louise Élisabeth Vigée-Lebrun „Marie-Antoinette en chemise“, 1783, Hessische Hausstiftung, Kronberg im Taunus. Foto © Rose Wagner

Die französische Königin ließ sich in nicht standesgemäßer Kleidung malen. Sie verzichtete auf die Einrahmung des Hofstaates, auf opulentes Interieur, auf seidene Tafte und Brokate zugunsten eines Baumwollmusselins, der zwar en vogue war, aber zu intim, unpassend für eine Königin. Das Gemälde „Marie-Antoinette en chemise“ erhitzte die Gemüter so sehr, dass es aus einer Ausstellung im Louvre entfernt werden musste.

Für Betrachter historischer Moden enthüllt sich nicht immer, was an einem bestimmten Kleidungsstück einst extrem oder gar subversiv gewesen sein soll. Es bedarf der Einordnung und Erklärung durch einen kenntnisreichen Text.

Historische Kostüme aus dem 18. Jahrhundert, Sammlung Kamer-Ruf. Foto © Rose Wagner

Historische Kostüme aus dem 18. Jahrhundert, Sammlung Kamer-Ruf. Foto © Rose Wagner

So wie Ausstellungen mit bekannten Künstlern werben, glänzen Kataloge mit bekannten Autorinnen und Autoren. Im Fall des Katalogs „Fashion Drive“ ist es die Crème de la Crème der schreibenden Modezunft, darunter Peter McNeil, Aileen Ribeiro und Barbara Vinken. Diese sind mit ihren modischen Spezialgebieten – Herausbildung sozialer Identität, anglo-französischer Vergleich sowie Epochenbruch der Französischen Revolution – vertreten.

Mit der Verpflichtung von Prominenten droht jedoch die Gefahr einer Wiederholung des Ewiggleichen und der Mehrfachverwertung bereits veröffentlichter Artikel. Im Katalog kommen glücklicherweise auch weniger bekannte Stimmen mit neueren Forschungsergebnissen zu Wort, wie etwa Janine Jakob mit einem Text über „Mode der sozialen Elite. Accessoires und deren Regulierung durch Luxusgesetze in Schweizer Städten des Ancien Régime“.

Das Spektrum der Textgattungen und Schreibweisen im Katalog ist breit. Mit Fußnoten gespickte akademische Abhandlungen finden sich ebenso wie mit leichter Hand komponierte Essays – etwa „Military look 68“ von Franz Schuh – und ein Sprachspiel voller Kalauer von Elfriede Jelinek über „Damenmode im öffentlich-rechtschaffenen Fernsehn“. Eingestreut zwischen die einzelnen Beiträge sind Gedichte von Nora Gomringer. Das ist abwechslungsreich, wie ein gedankliches Schlendern durch ein vielschichtiges Terrain.

Ein Dilemma von Katalogen liegt in der Schwierigkeit – vielleicht sogar Unmöglichkeit –, die Texte einer großen Zahl von Autorinnen und Autoren trennscharf voneinander abzugrenzen. Wer lediglich einzelne Beiträge liest, dem werden thematische Überschneidungen und Wiederholungen nicht auffallen. Wer alle Texte nacheinander liest, kann leicht einen Anflug von Überdruss erleiden. Dieses Problem stellt sich bei der Betrachtung von Bildern einer Ausstellung nicht, denn es ist auf einen Blick wahrzunehmen, wenn in einem Themensaal zu viel des Gleichen versammelt ist. Dann wandert man einfach weiter. Bei einem Text ist hingegen nicht gleich abzusehen, was noch kommen wird; manchmal merkt man erst mittendrin, dass Überschneidungen drohen.

Der Katalog „Fashion Drive“ versucht eine Balance zwischen Wort und Bild, um allzu großer Textlastigkeit zu entgehen. Die meisten Exponate der Ausstellung werden abgebildet, manchmal sogar ganzseitig. Bezeichnend ist, was nicht im Katalog abgebildet ist, etwa das „Selbstporträt mit Pinsel“ von Ashley Hans Scheirl, das in der Ausstellung große Beachtung fand.

Themensaal „Macaroni, Incroyables, Dandys“, Besucherin vor Ashley Hans Scheirl „Selbstporträt mit Pinsel“, 2018. Foto © Rose Wagner

Themensaal „Macaroni, Incroyables, Dandys“, Besucherin vor Ashley Hans Scheirl „Selbstporträt mit Pinsel“, 2018. Foto © Rose Wagner

Ein Äquivalent zur spezifischen Optik einer Ausstellung ist die typografische Gestaltung der Begleitpublikation. In dieser Hinsicht wagt sich der Katalog „Fashion Drive“ weit hervor. Seine Typografie ist experimentell, sowohl beim Seitenlayout wie beim Schriftbild. Mir geht dieser typografische Übereifer zu weit, er wirkt sich zu Lasten der Lesbarkeit aus. Andererseits ist die ambitionierte Typografie in „Fashion Drive“ Ausdruck eines ästhetischen Gestaltungswillens, der Neues versucht und dadurch den Katalog aus der Vielzahl von Begleitpublikationen zu Ausstellungen hervorhebt.

Cover des Katalogs. Foto: © Kerber Verlag.

Cover des Katalogs. Foto: © Kerber Verlag.

Der Katalog präsentiert sich als ein Medium der intellektuellen Kommunikation. Die Ausstellung lebt vom physischen Besuch. Beide sind Medien im jeweils eigenen Recht. Um wirklich glänzen zu können, bedarf es jedoch eines überzeugenden und durchdachten Inhalts und der klaren Struktur. Wenn eine Ausstellung überladen ist und nichts wirklich Neues präsentiert, dann kann auch ausgefallene Szenografie nicht über die inhaltliche Leere hinwegtäuschen. Wenn ein Katalog auf einer wirren Ausstellung basiert und Texte versammelt, in denen das, was bereits in anderen Katalogen publiziert wurde, wiederaufbereitet wird, dann helfen ambitioniertes Layout und gute Fotos auch nicht darüber hinweg.

Bei beiden Medien – Ausstellung und Katalog – kommt es letztlich auf den Inhalt an. Alles andere ist Verpackung. Die kann allerdings ansehnlich sein.

 

Zürcher Kunstgesellschaft / Kunsthaus Zürich (Hg.): Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst.
Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Zürich vom 20.04.-15.07.2018.
Bielefeld, Kerber, 2018. 288 S., 306 farb. u. 107 s/w Abb.

 

Titelfoto: Édouard Manet „Jeanne Duval, la maîtresse de Baudelaire“, 1862.
 Leihgabe des Museum of Fine Arts, Budapest. Foto © Rose Wagner