The Edwardians: Age of Elegance
24. April – 6. Dezember 2026
The King’s Gallery, Palace of Holyroodhouse, Edinburgh
Mit Selbstdarstellung kennt die britische Monarchie sich aus. Opulente Ausstellungen mit Schätzen aus den königlichen Sammlungen steigern ihre Strahlkraft. Auch die Schau „The Edwardians“ ist exquisit bestückt. Sie erzählt royale Geschichte unter dem Aspekt des Ästhetischen und Atmosphärischen. Es geht um Stil und Geschmack. Politik spielt nur am Rande eine Rolle.

Links „Dagmar-Collier“, Hochzeitsgeschenk von König Frederik VII. von Dänemark für Königin Alexandra; rechts Collier von Hofjuwelier R. & S. Garrand, getragen zur Krönung; oben „Kokoshnik Tiara“, 1888, ebenfalls Garrand.
Eröffnet wurde die Ausstellung in London – wo ich sie sah – und zog dann weiter nach Edinburgh. Mehr als 300 Objekte werden gezeigt, viele davon zum ersten Mal. Prächtige Roben und funkelnde Diamanten werden ausgebreitet. Beim Anblick der Vitrinen mit Tiaras, Colliers, Diamant-Halsbändern und Ohrringen von Cartier, Fabergé, Garrand und Tiffany geben einem die Augen über.

Besucherin vor Vitrine mit kostbaren Fächern und Diamanten-Schmuck.
Man passiert Thronsessel, Mobiliar, Büsten, Porzellan sowie Werke der bekanntesten Künstler der Zeit, darunter Franz Xaver Winterhalter, Edward Burne-Jones, John Singer Sargent und William Morris.

Franz Xaver Winterhalter, Porträts von Edward und Alexandra als Prinz und Prinzessin von Wales, 1864.
Neben ihrer Vorliebe für Hochkarätiges scheinen die Hoheiten auch Sinn für Nippes gehabt zu haben. Verschnörkelte Schränkchen, Porzellan-Figürchen und dreidimensionale Vergissmeinnicht, die aus Teetassen springen, legen das nahe.

Schrank mit Nippes.
Die Schau umfasst den Zeitraum von 1863 − Hochzeit von Albert Edward, Thronfolger und ältester Sohn von Königin Victoria (1837−1901), mit der dänischen Prinzessin Alexandra – bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Sie umschließt seine Regentschaft als Edward VII. (1901−1910) sowie die Thronbesteigung seines Sohnes George V. In der britischen Kulturgeschichtsschreibung ist es nicht ungebräuchlich, diesen Zeitraum als eine zusammenhängende Epoche zu betrachten, die nach Edward benannt wird.

Staatsporträt „King Edward VII“ von Sir Samuel Fildes, ca. 1902, mit Königsinsignien und Parlamentsrobe über Feldmarschalluniform.
Schon allein gemessen an der Zahl der Porträts − gemeißelt, gemalt und fotografiert − dominieren Edward VII. und Königin Alexandra (im englischen Sprachgebrauch queen consort für die nicht erbfolgeberechtigte Gemahlin des regierenden Monarchen) die Schau. George V. und Königin Mary (queen consort) spielen zwar auch eine Rolle, doch gegen den Glanz ihrer Amtsvorgänger bleiben sie blass. Die Regentschaft von George V. wurde zudem seit 1914 vom Krieg überschattet.

Mary Steen, „Queen Mary, when Duchess of York“, in York House, 1895. © Royal Collection Enterprises Limited 2025 / Royal Collection Trust.
Die Geschichte der „Edwardians“ ist nicht ohne einen Blick zurück zu verstehen. Königin Victoria hatte sich nach dem Tod ihres Gemahls 1861 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wenn sie sich überhaupt zeigte, bot sie in ihrer schwarzen Trauerkleidung und ihren Jetperlen ein Bild bewusster Abkapselung.

Trauerkleidung von Königin Victoria; Ausstellung „Dress Codes“, Kensington Palace, 2025.
Für eine moderne Monarchie ist jedoch die permanente Sichtbarkeit ihrer Repräsentanten unabdingbar. Victoria vermied eine Legitimationskrise dadurch, dass sie öffentliche Auftritte weitgehend Edward überließ. Er reicherte sein Programm mit Jagdausflügen, Bällen, Gartenpartys, Festbanketts und Auslandsreisen an. In der Öffentlichkeit kam das gut an, bedeutete es doch, dass der Hof auf die große gesellschaftliche Bühne zurückkehrte. Im Alter von 60 Jahren folgte er 1901 schließlich seiner Mutter auf dem Thron − nur Charles III. musste länger auf seine Krönung warten.
Selbstbeherrschung, Zurückhaltung und moralische Strenge, wie sie Victoria verkörperte, waren Edwards Sache nicht. Sein Spottname „Dirty Bertie“ kam nicht von ungefähr, sondern bezog sich auf seine Aktivitäten als Schürzenjäger. Das erfährt man allerdings nicht in der Ausstellung – wenig erstaunlich, wird sie doch vom Royal Collection Trust (RCT) ausgerichtet, dessen Aufgabe nicht im Aufzeigen dunkler Seiten liegt –, sondern aus einer Rezension in der Times. Edwards Eskapaden taten seiner Beliebtheit in der Bevölkerung freilich keinen Abbruch. Heute werden britische Royals weniger nachsichtig beurteilt.
Bereits in seiner Zeit als Prince of Wales umgab sich Edward neben den gewohnten Aristokraten und internationalen Diplomaten auch mit frohgemuten Bankiers, Industriellen und Künstlern. Diese Gesellschaft wurde als „Marlborough Set“ bezeichnet, nach Edwards Residenz „Marlborough House“. In der Ausstellung illustrieren Gemälde mit Titeln wie „After the Ball“, das eine vom Feiern erschöpfte Gesellschaftsschönheit zeigt, und „Marlborough House Fancy Ball“, das ein schwelgerisches Kostümfest zum Sujet hat, die animierte Feierfreude dieser Schar.

„Marlborough House Fancy Ball“, vermutlich Godefroy Durand, 1874. © Royal Collection Enterprises Limited 2025 / Royal Collection Trust.
Die Privatgemächer der Royals waren mit Möbeln, Bildern und Souvenirs von Auslandsreisen vollgestellt und vollgehängt, kaum ein freier Fleck zu sehen, wie Fotos in den diversen königlichen und staatlichen Sammlungen dokumentieren. Als Beispiel hier ein Blick auf „Princess Victoria of Wales in her Boudoir“. Alle royalen Privaträume waren ähnlich überladen.

„Princess Victoria of Wales in her Boudoir“, nach Samuel Begg, nach Mary Steen, Titelbild der „Illustrated London News“ am 24. Juli 1897. © National Portrait Gallery, London.
Dieses eklektisch Überbordende des königlichen Haushalts versuchen die Kuratoren für die Ausstellungsbesucher nachvollziehbar zu machen. Gleich zu Beginn des Rundgangs ist eine Fülle von Exponaten arrangiert. Darunter findet sich auch manches Unerwartete. So hängt zwischen den bei britischen Royals erwartbaren Bildern von Jachten, Segelschiffen, Pferden und Hunden – darunter mehrere Darstellungen von Caesar of Notts, Edwards Lieblingsterrier – ein Gemälde der unkonventionellen französischen Künstlerin Rosa Bonheur. Es zeigt einen Löwenkopf mit Mähne, der so gar nicht in die übliche höfische Bild-Menagerie passt.

Bildergalerie, in der Mitte „Löwenkopf“ von Rosa Bonheur.
Das Zeitalter der Fotografie hatte eingesetzt, und Alexandra produzierte mit ihrer Kodak-Kamera Unmengen von Familienfotos. Etliche fanden in voluminösen Sammelalben, glänzenden Fabergé-Rahmen, auf einem Raumteiler und appliziert auf Porzellan den Weg in die Ausstellung.

Foto-Paravent.
Die Fotos waren jedoch nicht nur private Knipser-Familienbilder, sondern bewusst gestaltet. Sie drückten den Willen aus, die visuelle Wahrnehmung des royalen Lebens in eine gewünschte Richtung zu steuern. Die Königsfamilie wurde als nahbar gezeigt. Die Fotos wurden nicht nur in der unmittelbaren Hofgesellschaft verbreitet, sondern über Zeitungen, illustrierte Magazine und Postkarten im gesamten Empire.

Von Fotografin Königin Alexandra: König Edward, rechts, Kronprinz George, links, Söhne, mittig, 1905. © Royal Collection Enterprises Limited 2025 / Royal Collection Trust.
War Edwards Lebensführung schon während seiner Zeit als Prince of Wales aufwendig, kam es mit seiner Thronbesteigung noch zu einer Steigerung und ungenierten Zurschaustellung von Pracht. Im Pomp der Krönungsfeierlichkeiten findet sie ihren höchsten Ausdruck. Die Krönung am 2. August 1902 in der Westminster Abbey wurde zu einem der prächtigsten und teuersten königlichen Ereignisse in der britischen Geschichte. Die von Edgar Elgar komponierte Krönungsmusik „Pomp and Circumstance March No. 1“ mit der integrierten Hymme „Land of Hope and Glory“ gilt bis heute als musikalische Inkarnation des Edwardianischen Zeitgeistes. Als Partitur und Hintergrundmusik ist sie in der Ausstellung präsent.
Die Glanzstücke der Schau sind die Krönungsornate, wobei Alexandras Gewand an Pracht sogar noch den in der Royal School of Needlework mit farbigen Seidenfäden bestickten Goldbrokatmantel Edwards übertrifft.

Krönungsornate von Königin Alexandra und König Edward VII. KI-Bearbeitung mit Chat GPT.
Wegen ihrer Fragilität wird die Robe der Königin äußerst selten gezeigt. Die Restauratoren des Royal Collection Trust verbrachten mehr als 100 Stunden damit, sie für die Ausstellung herzurichten. Verglichen mit dem zeitlichen Aufwand, der seinerzeit betrieben worden war, um das Kleid zu fertigen, ist das freilich ein Geringes.
Traditionell waren englische Krönungskleider relativ schlicht, weiß oder cremefarben und von kirchlichen Gewändern inspiriert. Alexandra entschied sich anders. Sie wählte ein goldenes Kleid mit einem Netzüberzug, ließ es von einem Pariser Modehaus – auch das ein Bruch mit Traditionen – entwerfen und in einem Akt internationaler Arbeitsteilung in Indien besticken. Vierzig Stickerinnen in Delhi verbrachten fünf Monate damit, Tausende winziger goldener Pailletten auf das Netz aufzubringen. Danach wurde es nach Paris geschickt, dort auf bestickten Goldbrokat appliziert und zum endgültigen Gewand verarbeitet. Die Pailletten waren auf einen dramatischen Effekt hin ausgerichtet: sie funkelten magisch im Licht der elektrischen Beleuchtung, die zum Anlass der Krönung erstmals in der Westminster Abbey installiert worden war.

Laurits Tuxen, „The Anointing of Queen Alexandra at the Coronation of King Edward VII“, 1902–3. © Royal Collection Enterprises Limited 2025 / Royal Collection Trust.
Die Königsrobe ist ein Ausweis der Mode-Souveränität Alexandras und gleichzeitig ein politisches Zeichen. Die Stickerei auf dem Kleid symbolisierte mit den Motiven Rose, Distel und Kleeblatt die Embleme der drei Landesteile (England, Schottland, Irland) des Vereinigten Königsreichs und damit die nationale Einheit. Alle britischen Königinnen lassen seitdem ihre Krönungsroben mit den nationalen Symbolen besticken, so auch Elizabeth II. und Königin Camilla (queen consort). Dem imperialen Gedanken und den kolonialen Handelsbeziehungen des britischen Weltreiches wurde durch die Mitwirkung indischer Stickerinnen bei der Fertigung von Alexandras Robe Rechnung getragen.
Weitere exquisite Objekte und Handwerkserzeugnisse aus den Kolonien − Waffen, Textilien und Metallarbeiten − werden im vorletzten Saal der Ausstellung präsentiert. Sie gelangten als Gastgeschenke an den Hof in London. Heute kann man darauf nicht mehr unbefangen blicken, ohne die dunklen Aspekte des britischen Empire, das um 1900 seine maximale Ausdehnung erreicht hatte, mitzudenken.

Gastgeschenke aus Indien.
Im letzten Saal der Ausstellung ist jeglicher Glanz verschwunden. Die Stimmung hat sich verändert. Vier Jahre nach seinem Thronantritt sah sich Georg V. mit dem Ausbruch des Krieges konfrontiert. Pflicht wurde zum neuen Leitmotiv der Monarchie, und der Besuch von Truppen und Schlachtfeldern gehörte nun zum Programm des Königspaares.
Am Ende des Parcours hängt das Gemälde von Frank O. Salisbury „The Passing of the Unknown Warrior. King George V. as Chief Mourner“ (Fotografier-Verbot). Der König schreitet als Haupttrauernder in einem Trauerzug, der am 11. November 1920 ernst und feierlich zum Denkmal für die Gefallenen im Regierungsviertel Whitehall zieht.
Es ist ein beeindruckender Schlusspunkt. Die Edwardianische Ära des Pomps und Überflusses geht mit einer stillen Geste zu Ende.
Titelfoto: Fächer aus Straußenfeder, angefertigt zur Krönung von Alexandra, 1902. Foto © Rose Wagner. Alle Fotos, soweit nicht anders angegeben © Rose Wagner.
