Sie fiel nicht nur wegen ihrer engagierten Diskussionsbeiträge auf, sondern auch der auffallenden asymmetrischen Haarsträhne wegen. Rot in silbrig-hellem Haar! Wie kommt sie dazu?

Barbara vor dem Konferenzsaal.
Sie heißt Barbara, ist Italienerin und studierte an der Universität in Turin Philosophie. Ihr Professor regte an – man kann auch sagen, er erwartete – dass seine Studentin Hegel und die anderen großen deutschen Philosophen im Original liest. Also lernte sie Deutsch und spricht es heute fließend. Ihren Doktor machte sie in Umweltphilosophie. Sie ist viel in der Welt herumgekommen und lehrte an amerikanischen Universitäten. Jetzt ist sie Professorin für Umweltethik an der Universität Greifswald.
Ich begegnete ihr bei einer mehrtägigen Wissenschaftskonferenz in der Leibniz-Stadt Hannover. Barbara erzählte, dass sie schon immer ein Faible für kurze Haare hatte. Allerdings machte sie eine Erfahrung, die auch anderen Frauen nicht fremd ist: Gute Friseure für Kurzhaarfrisuren sind zwar nicht so selten wie Menschen, die Hegel und Leibniz lesen, aber so weit verbreitet wie Sand am Ostseestrand sind sie auch nicht. Barbara spürte schließlich einen für sie richtigen Friseursalon auf und hat jetzt die für sie perfekte Kurzhaarfrisur: sehr knapper Seiten- und Nackenbereich, die Oberfläche ein wenig länger strukturiert.

Barbara mit Haarsträhne hinter dem Ohr.
Doch sie wollte mehr als einen perfekten Kurzhaarschnitt. Es sollte etwas Unverwechselbares, etwas für sie Charakteristisches hinzukommen. Ein italienischer Freund brachte sie auf die Idee mit der partiell gefärbten Haarpartie. Damit lässt sich relativ einfach ein nonkonformistischer Look erzeugen. Das belegen auch Schnapsschüsse aus dem Berliner Alltag, die Menschen mit zweifarbigem Haar zeigen. Wobei sich für Berlin sagen lässt, dass Rot und Pink bei der Kolorierung überwiegen.

Berlinerin mit farbiger Haarsträhne.

Berliner Pink-Style.
Barbara trägt nun seit gut zehn Jahren die rote Kontraststrähne. In ihrem silbergrauen Haar – „nicht gefärbt, die Zeit hat es so mit sich gebracht“ – tritt die asymmetrische farbige Strähne prominent hervor. Ungewöhnlich ist auch das Variationspotential des Haarstrangs, er kann nämlich herunterhängen oder hinters Ohr geklemmt werden, je nach Lust, Umständen oder Notwendigkeit.

Herabhängende Haarsträhne.
Leider findet sich nicht in jeder Stadt so leicht eine Haardesignerin, die auf Anhieb die gewünschte Farbe hervorbringt. Auch Barbara erlebte Fehl-Tönungen, „alles zwischen Burgund und Pink“. Nicht jeder Friseur, der gut schneidet, färbt auch gut. Hört man sich im Freundinnenkreis nach einem empfehlenswerten Salon um, heißt es entweder „Gute Schnitte sind seine Stärke“ oder „Färben ist seine Stärke“. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass ein Friseur beide Techniken gleichermaßen gut beherrscht.
Friseurbesuche in unterschiedlichen Ländern und auf zwei Kontinenten haben Barbara gelehrt, dass die Frisur einer als Frau wahrgenommenen Person zu Annahmen über Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung führen kann. Bestimmte Kurzhaarfrisuren und Haarfarben lösen bei manchen Menschen den Impuls aus, die Trägerin als „Lesbe“ einzusortieren. Kulturell erlernte Vorstellungen über Geschlechtsidentität werden – in der Regel – unbewusst in Gang gesetzt, mit den natürlichen Eigenschaften von Haaren haben sie nichts zu tun. Eine Kurzhaarfrisur, wie Barbara sie trägt, könnte genauso gut als androgyn, maskulin, praktisch, individualistisch oder schlicht als modisch konnotiert werden.

Barbara mit Weste.
Barbara liebt Westen. Sie besitzt viele und trägt sie häufig. Was ihr an diesem Kleidungstyp gefällt? Die Antwort verblüfft. Es ist vor allem ein pragmatischer Aspekt, der aus ihrer Sicht für eine ärmellose, kragenlose, tief V-förmig ausgeschnittene Weste – wie auf dem Foto – spricht. Am Ausschnitt lässt sich nämlich problemlos ein Mikrofon befestigen. Als Barbara – insbesondere während ihrer Lehrtätigkeit an amerikanischen Universitäten – häufiger vor einem großen Publikum sprach, erwiesen sich Westen als besonders zweckmäßig. Das Kleidungsstück wärmt, gliedert und modelliert den Rumpf und lässt gleichzeitig die Arme frei und handlungsfähig. Westen können Farb- und Materialakzente setzen und lassen sich sowohl zu Bluse, Rollkragenpullover, Kleid, Rock oder Hose kombinieren. Sie sind typische Layering-Stücke und gerade deshalb für Frauen ideal, die sich nicht allzu lange mit der Frage beschäftigen wollen: Was ziehe ich an?
Im konkreten Fall von Barbaras grüner Weste kommt hinzu, dass sie einen Komplementärkontrast zur roten Haarsträhne liefert und sie dadurch besonders stark leuchten lässt. Die große, ruhige Fläche des Kleidungsstücks ist zudem eine ideale Kombination zur gestreiften Bluse. Für Frauen, die viel unterwegs sind und sich nicht mit einem großen Kleiderkoffer beschweren wollen, sind Westen ideal. Jetzt verstehe ich, warum Barbara so viele besitzt.
Titelfoto: „Philosophie“, Deckenmalerei, Johann Baptist Wenzel Bergl, 1943/1945, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Wien, Nr. 71515351. http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/.
