Tracey Emin: A Second Life
> 27. Februar − 31. August 2026
Tate Modern, London

In den 1990er-Jahren war Tracey Emin (*1963) das enfant terrible der britischen Kunstszene. Installationen wie „Everyone I Have Ever Slept With 1963–1995“ oder „My Bed“ schlugen wegen ihrer radikal intimen Bekenntnisse und drastischen Authentizität hohe Wellen. Den Status als Bürgerschreck hat Emin mittlerweile verloren. In einer großangelegten Retrospektive zeichnet jetzt die Tate Modern mit 90 Objekten das multidisziplinäre und entschieden autobiografisch gefärbte Werk der Künstlerin nach.

Bei meinem Besuch der Schau im April nahm ich insbesondere Emins textile Arbeiten in den Blick.

Besucher vor dem Quilt „Mad Tracey from Margate. Everyone’s Been Here“, Tracey Emin, 1997. Tate Modern, London, 2026.

Seit Anfang der 1990er-Jahre fertigt Emin quiltartige Patchwork-Arbeiten, indem sie schlichte Wolldecken mit bunten Applikationen versieht und bestickt. In der Ausstellung ist die Rede von „appliquéd blankets“.

Detailblick auf „Mad Tracey from Margate“. Tate Modern, London, 2026.

Der Quilt „Mad Tracey from Margate. Everyone’s Been Here“ lässt in seiner Emotionsgeladenheit und dem Detailreichtum an das Tagebuch einer Jugendlichen denken. Die Applikationen erzählen über Emins Jugend im Küstenstädtchen Margate, über Sex, Zurückweisung, Verletztheit und die von ihr als kränkend empfundene gesellschaftliche Zuschreibung als Außenseiterin, als „Mad Tracey“.

Detailblick auf „Mad Tracey from Margate“. Tate Modern, London, 2026.

Im Alter von dreizehn wurde Tracey Emin Opfer einer Vergewaltigung. Auf dem Quilt „No chance (WHAT A YEAR)“ fasst sie ihr anhaltendes Trauma grafisch in Worte.

Publikum vor Tracey Emins „No chance (WHAT A YEAR)“, Appliquéd blanket, 1999. Private collection. X102017. Tate Modern, London, 2026.

Detailblick auf „No chance (WHAT A YEAR)“. Tate Modern, London, 2026.

Ein wiederkehrendes Thema sind Emins zwei Abtreibungen, darunter eine dramatisch verpfuschte. Die Eingriffe und Abbrüche werden auf Gemälden, in Videos, Neoninstallationen und Textilarbeiten thematisiert, besonders ausführlich auf dem Quilt „The Last of the Gold“.

Publikum vor Tracey Emin „The Last of the Gold“, Embroidered blanket, 2002. The Leverett Collection / FAMM (Female Artists of the Mougins Museum), Frankreich, X101471. Tate Modern, London, 2026.

Für dieses Werk verarbeitete sie Reste einer alten, goldglänzenden Gardine, was den Titel – jedenfalls zum Teil – erklärt. „The Last of the Gold“ liest sich wie ein A bis Z des Schwangerschaftsabbruchs. Da heißt es beispielsweise: „Die Pille danach wirkt bis zu drei Tage nach dem Sex. Nimm schnell eine zweite, falls du die erste erbrichst“ oder: „Wenn du genug Geld hast, geh in eine Privatklinik. Die Wartezeit beim NHS kann mehrere Wochen betragen“.

Detailblick auf „The Last of the Gold“.

Die Quilts sind nicht die einzigen textilen Arbeiten in der Ausstellung. Auf Leinwänden, die wie Bettlaken wirken, sind Figuren ohne körperliche Substanz in sexuellen Positionen, oft mit gespreizten Beinen zu sehen. Die Konturen der spinnendürren Leinwand-Gestalten sind mit schwarzem Garn gestickt. Man fühlt sich an Strichmännchen erinnert. Die als weiblich lesbaren Figuren sind durch die Andeutung von Brustwarzen und einer Schamregion erkennbar. Sollen sie Emin darstellen? Sieht sich die Künstlerin selbst so? Sollen wir sie so sehen?

Die Titel der Arbeiten und der begleitenden Neoninstallationen – „I could have loved my Innocence“, „Keep your Darkness Away“, „Is This A Joke“, „Why“ – vermitteln eine Atmosphäre tiefer Verzweiflung, von Schwäche und manchmal auch von Erniedrigung.

Besucherin vor „Just Like Nothing“, 2009. Embroidered blanket. Private Collection Nikolaus & Martina Hensel. X102028. Tate Modern, London, 2026.

Gestickte Konturen bei „Just Like Nothing“.

Eine Vorstellung glücklicher Sexualität stellte sich beim Betrachten nicht ein.

Heiter und harmlos – jedenfalls auf den ersten Blick – wirkte auf mich dagegen ein reich mit bunten Applikationen bestückter Sessel. Allein durch seine herkömmliche, rundlich gemütliche Form und die praktische Verwendbarkeit fiel er in diesem Kontext aus dem Rahmen.

Tracey Emin „There’s a lot of money in chairs“, Appliquéd armchair, 1994. Im Hintergrund Besucher vor dem Quilt „Mad Tracey from Margate“.

Mit dem Titel „There’s a lot of money in chairs“ spielt Emin auf die – angebliche – Gepflogenheit an, Geldscheine in Polstermöbeln zu verstecken. Doch alles, was Emin in die Hände nimmt, erzählt ihre immergleiche Geschichte, und in der geht es ganz und gar nicht heiter zu, jedenfalls nicht in der Version, die sie uns zuteilwerden lässt.

Sessel mit Applikationen, im Hintergrund Publikum beim Studium weiterer Exponate.

Der Titel der Ausstellung „A Second Life“ bezieht sich auf Emins mehr oder weniger überstandene Krebskrankheiten und ihr Leben mit den Folgen von Operationen und Behandlungen, an denen sie uns mit Fotos – beispielsweise des Urinbeutels (Stoma), den sie infolge ihres künstlichen Blasenausgangs tragen muss – teilhaben lässt. „A Second Life“ präsentiert eine zutiefst persönliche und weitgehend pessimistische Weltsicht. Die Künstlerin trennt nicht zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Diskretion und Selbstdistanz sind für sie irrelevante Kategorien. Was Emin ausmacht, sind ihre unbändige Offenheit und Bekenntnishaftigkeit.

Die Ausstellung ist ein Publikumsmagnet. Gesponsert wird sie vom Guardian und von Gucci. Beim Guardian, der alles fördert, was mit dem Label „progressiv“ versehen werden kann, ist das nachvollziehbar. Aber Gucci? Was verspricht sich ein Luxus-Modeunternehmen davon?

“A Second Life” wird nach der Tate Modern in verschiedene internationale Museen wandern. Tokio und Oslo stehen bereits fest. Die USA sind nicht eingeplant. Dort dürfte Emins rabiate Offenheit kaum auf ein vergleichbar positives Echo stoßen wie in London.

 

Titelfoto: Detailblick auf Tracey Emins „Mad Tracey from Margate“. Tate Modern, London, 2026.
Alle Fotos © Rose Wagner. Die Fotos wurden sämtlich in der Tate Modern, London, im Rahmen der Ausstellung "Tracey Emin: A Second Life" aufgenommen.