Ein Samstagnachmittag im September in der südniedersächsischen Kleinstadt Northeim. Auf dem Marktplatz ist nichts los. Auf einmal segelt ein bunt dekoriertes Fahrrad herein; ein rotes Fähnchen flattert am Anhänger. Das ganze Ensemble wirkt zusammengebastelt und strömt eine folkloristische Schrulligkeit aus. Hier ist ein Individualist unterwegs. Mit der normierten Ausstattung der Wochenend-Fahrradtouristen, die sonst in Gruppen die Fachwerk-Stadt Northeim passieren, hat dieser schräge Vogel nichts gemeinsam.

Frankies Gefährt.
Er heißt Frankie, ist 58 Jahre alt und seit 27 Jahren „on the road“, wie er erzählt. Er habe achtzehn europäische Länder durchquert, komme jetzt geradewegs aus Basel und wolle weiter nach Braunschweig, um nach Angehörigen zu forschen, zu denen seit langem kein Kontakt mehr bestehe. In Northeim lege er wegen eines Reifenschadens einen Zwischenstopp ein. Einen festen Lebensort habe er nicht. Wo er unterwegs übernachtet? „Grillhütten, Mutter Natur….“, lautet die Antwort.
Er posiert für Fotos. Beachtung scheint er gewöhnt, vielleicht kapitalisiert er sie sie auch. Warum auch nicht? Eine „Spende“ ist immer willkommen. Ansonsten lebt er von Gelegenheitsarbeiten: „Strandkörbe aufstellen, Seifenblasen machen, was gerade so kommt“.

Frankie posiert vor seinem Gefährt.
Sein Trekking-Rad ist stabil und robust. Reflektoren, Sicherheitsfähnchen und auffallende rot-gelbe Warnstreifen dienen vor allem der Verkehrssicherheit. Zusätzliche Befestigungen am Lenker sowie beidseitige große Außenspiegel verleihen dem Gefährt einen Easy-Rider-Zuschnitt. Der Fahrradrahmen ist mit Fan-Girlanden in Schwarz-Rot-Gold umwickelt, der Lenker mit bunten Kunstblumen geschmückt, mittendrin thront eine lustige Stofffigur. Das Ganze hat karnevaleske Züge.

Fahrrad-Dekoration im Detail.
Der zweirädrige Trailer – ein von Frankie eigenhändig umgestalteter Kinderanhänger – schafft Stauraum. Persönliche Sachen werden in einer kleinen, regensicheren Abfalltonne verwahrt, die in schwarzen Stoff mit Skelett-Muster gehüllt ist. Extra-Taschen und Beutel am Steuerrohr ermöglichen während der Fahrt schnellen Zugriff auf Kleinkram. Isomatte, Schlafsack, grüner Helm und gelbe Warnweste komplettieren die Ausrüstung.

Frankie erklärt seine Ausrüstung. Links im Bild die Abfalltonne, umhüllt mit Stoff im Totenkopf/Skelett-Motiv.
Das Fahrrad ist weit mehr als ein simples Transportmittel, es ist ein Zuhause für eine nomadische Lebensweise. Die konkrete Anordnung und Bestückung sind das Ergebnis von langer Erfahrung, handwerklichem Geschick und Improvisationstalent. Offensichtlich verfügt Frankie über die Fähigkeit, das, was sich gerade bietet, mit bereits Vorhandenem zu verknüpfen und für seine Zwecke nutzbar zu machen. Claude Lévi-Strauss (1908-2009) − Reisender und Philosoph − erfand für eine solche Improvisationsfähigkeit den Begriff der Bricolage. Frankie ist ein Bricoleur.
Sein Fahrrad ist nicht nur − wie ein normales Reiserad − funktional und effizient, sondern präsentiert sich zudem als Blickfang, als unverwechselbares, individualisiertes Fahrzeug, Bühne und Visitenkarte gleichermaßen. Es soll Aufmerksamkeit erregen und dabei helfen, von Passanten brauchbare Hinweise über örtliche Gegebenheiten und mögliches Unterkommen zu erhalten.

Easy-Rider-Anmutung.
Im Vergleich zu seinem spektakulären Gefährt ist Frankies Montur geradezu dezent. Um modische Individualisierung geht es ihm nicht. Die Kleidung ist vor allem zweckmäßig und bequem, bewährt bei langen Fahrten, wechselndem Wetter, Gelegenheitsarbeiten und dem Nächtigen unter freiem Himmel. Dem verschossenen blauen Hoodie sieht man die Einwirkung von Wind und Wetter an. Die schwarze Jogginghose ist warm, strapazierfähig und pflegeleicht. Bei Langstreckenfahrten – wenn kein Helm getragen wird – fungiert die Schiebermütze als Schutz vor Sonne, Kälte und Staub sowie als Halter für die Fahrradbrille. Deutlicher als die anderen Kleidungsstücke verweisen die wetterfesten Outdoor-Schuhe auf Frankies mobiles Leben. Während Hoodie und Jogginghose heute in Büros, Dienstleistungssektor, Schule und Uni schon zum Standard-Outfit gehören − meist kombiniert mit Sneakers, die Frankie explizit nicht trägt −, erzählen seine robusten, offenbar älteren Schuhe von Unterwegssein und rauem Leben. Dieser Fahrende stellt seine Garderobe nicht nach modischen Gesichtspunkten zusammen und zeigt keinen in sich geschlossenen Look. Vielmehr stellt seine Montur eine Bricolage aus Sport-, Streetwear-, Outdoor-, Arbeits- und Reisekleidung dar.
Die Nike-Jogginghose entstammt dem Sportbereich und steht für die globale, hochgradig kommerzialisierte Markenwelt. In der Kombination mit dem abgetragenen Sweatshirt, den Wanderschuhen, dem individualisierten Fahrrad bleibt von der Ausstrahlung des Nike-Lifestyle-Branding jedoch nichts übrig. Im gegebenen Kontext figuriert die Jogginghose lediglich als zweckmäßiges Kleidungsstück, das nichts weiter hermachen will. Von einer Distinktionsabsicht, wie Soziologen das Bemühen nennen, sich ästhetisch von anderen zu unterscheiden, ist hier nicht auszugehen. Auch das Kapuzen-Shirt eignet sich nicht als Beispiel für modische Distinktion, allerdings aus anderen Gründen. Auf dem Hoodie sind Schriftzüge wie „California“ und „Surf League“ erkennbar. Sie rufen die Vorstellung von amerikanischem College-Leben, Freiheit, Wind und Wellen hervor. Hoodies mit solchen Aufschriften zirkulieren weltweit massenhaft. Wegen ihrer geringen Spezifität sind sie nicht als Statuszeichen – etwa: „ich gehöre zu dieser ganz bestimmten Surf League“ oder „ich leiste mir ein Hoodie von Tommy Hilfiger“ – zu werten. Als unkomplizierte, anspruchslose und erschwingliche Alltagskleidung sind sie seit Jahrzehnten im Umlauf. Sowohl die Jogginghose wie den Hoodie hätte Frankie auch schon vor zehn oder zwanzig Jahren tragen können. Sein Gesamt-Outfit ist erstaunlich zeitlos und sendet die Botschaft: „Mode interessiert mich nicht“.

Zigarettenpause.
Frankies Ausstattung sendet unterschiedliche Signale. Als erstes springen die der Verkehrssicherheit dienenden Elemente – Warnweste, Reflektoren etc. – ins Auge. Auf einer weiteren Bedeutungsebene verweisen sie auf gefährliche Arbeit im öffentlichen Raum – „Baustelle“ – und damit auf die soziale Lage („Arbeiterklasse“, „Prekariat“) des Trägers. In diese Richtung deutet auch Frankies Schiebermütze, die Assoziationen zur englischen Working-Class-Mode der 1920er-Jahre auslöst. Heute gilt eine Schiebermütze in modebewussten Szenen als „It-Piece“. Im konkreten Fall ist die Vermutung nicht ganz abwegig, dass sie zufällig in Frankies Besitz gelangte und aus praktischen Gründen in sein Outfit integriert wurde.
Ganz anders als die „Prekariatsästhetik“ von Warnweste und Schiebermütze wirkt das Totenkopfmotiv des Stoffes, der Frankies transformierte Abfalltonne umhüllt. Es symbolisiert Tod und Vergänglichkeit und könnte als Code für die Punk- oder Goth-Szene gelesen werden oder einfach nur für makabren Humor stehen. Allerdings sind Totenkopf- und Skelettmotive heute so weit verbreitet, dass sich aus ihrer Verwendung keine klare Haltung mehr ableiten lässt, noch nicht einmal Humor. Im vorliegenden Fall bekommt das Totenkopfmuster eine besondere Bedeutung dadurch, dass es wie die Antithese zu den Girlanden und bunten Blumen auf dem Fahrradlenker erscheint, die mit ihrer Hippie-Ästhetik („Flower Power“) Freiheit, Liebe und Frieden symbolisieren. Das Nebeneinander solch konträrer Symbole von zwei unterschiedlichen Generationen jugendlicher Gegenkulturen relativiert beide gleichermaßen in ihrer Aussagekraft. Hier kommt wieder der Bricolage-Aspekt ins Spiel. Vielleicht war beides gerade greifbar und ließ sich als temporäre Dekoration einsetzen. Wir werden es nicht erfahren.
Frankie ist längst schon wieder unterwegs. Viel Glück!
Titelfoto: Pause nach langer Fahrt. Alle Fotos: © Rose Wagner
