La Mode retrouvéeLes robes trésors de la comtesse Greffulhe
Palais Galliera, Musée de la Mode de la Ville de Paris
> 07.11.2015 ‒ 20.03. 2016

Erstmals zeigt das Pariser Modemuseum Palais Galliera die exquisite Garderobe der Gräfin Élisabeth Greffuhle (1860-1952), die selbst in der mondänen Pariser Gesellschaft des Fin de Siècle nicht ihresgleichen hatte. Dennoch wäre die Gräfin Greffuhle wohl in Vergessenheit geraten, hätte nicht Marcel Proust sie in seinem Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als Oriane, Herzogin von Guermantes, unsterblich gemacht.

Marcel Proust (1871-1922) hatte ein Faible für Mode und beschrieb in Gesellschaftsskizzen für Zeitungen wie Le Figaro die Garderobe von Damen der Oberschicht. Er bewunderte Gräfin Greffuhle wegen ihrer Schönheit, ihres noblen Stammbaums und des Raffinements ihrer Garderobe. Sie inspirierte ihn zur Figur der Herzogin von Guermantes, deren Kleidung dem Icherzähler des Romans wie eine farbig schillernde Materialisierung ihres inneren Lebens vorkommt. Noch kurz vor seinem Tod bat Proust Gräfin Greffuhle – zum wiederholten Mal, doch wiederum vergebens – um eine Photographie, auf der sie sich in einer Dandy-haften Pose im Spiegel betrachtet. Sie trägt das Lilienkleid, eine Robe aus schwarzer Seide mit aufwendigen Blüten-Applikationen. Dieses Gewand ist in der Ausstellung zu bewundern, allerdings mit verändertem Dekolleté, denn Gräfin Greffuhle ließ – wie nicht wenige ihrer Zeitgenossinnen – ihre kostspieligen Roben der jeweils neuen Mode entsprechend umarbeiten.

Élisabeth Greffuhle hat die Belle Epoque, die Goldenen Zwanziger und zwei Weltkriege durchlebt, und ihre Garderobe dokumentiert mehr als ein halbes Jahrhundert Modegeschichte, den Wandel von Silhouetten, Formen, Texturen und Mustern sowie den Aufstieg und das Verschwinden von Modehäusern. Dank großzügiger Spenden ihrer Nachkommen besitzt das Palais Galliera einen großen Teil ihres Kleiderschatzes. Rund vierzig Tageskleider, Abendroben, Capes und Mäntel sowie drei Dutzend erlesene Accessoires sind ausgestellt.

In den beiden Ausstellungsräumen mit ihrem Fin-de-Siècle-Dekor sind die Kleider auf schlichten Holzpodesten arrangiert. Einige stehen in einer Art von Pop-up-Boxen, die den spröden Charme des Berliner Bikinihauses mit seinen Holzverschlägen verströmen und einen spannungsvollen Gegensatz zur Pracht des alten Stadtpalastes bilden. Die meisten Figurinen stehen frei und ermöglichen die Betrachtung aus relativer Nähe. Unerfreulich ist allerdings, dass die Etiketten mit den Informationen in kleiner Schrift auf die bodennahen Podeste geklebt sind. Wer nicht über Adleraugen verfügt, muss sich sehr tief bücken, um sie zu lesen – was ziemlich albern aussieht. Am Tag meines Besuches waren zwei elegant gewandete ältere Amerikanerinnen zu beobachten, die auf den Knien um ein Podest herumrutschten, um die Beschriftung zu entziffern.

Die meisten Kleidungsstücke sind zu Gruppen zusammengestellt, die einer Epoche zugehören. Die Garderobe aus der Zeit vor 1914 ist körperbetont, von verschwenderischer Fülle und mit aufwendigen Stickereien verziert. Die Kleider der Zwanziger Jahre demonstrieren mit geraden Schnitten und hochgerutschten Säumen ein neues Frauenbild und Körperideal. Es fällt schwer, sich Élisabeth Greffuhle darin vorzustellen. Die Kleider der dreißiger Jahre sind wieder körperbetont, oft mit fließenden Schrägschnitten und viel Glamour.

Bewusst spielt die Ausstellung mit der Doppelung Greffulhe-Guermantes und verleiht so den gezeigten Kleidungsstücken eine zusätzliche Bedeutungsdimension. Die Garderobe wird eingerahmt von Porträts und Skizzen, die der Maler Paul-César Helleu von Élisabeth Greffuhle angefertigt hat, sowie einem guten Dutzend Photographien, auf denen die Gräfin in ihren kostspieligen Roben posiert. An den Wänden sind Tafeln mit Zitaten aus Briefen von Proust und aus seinem Romanwerk angebracht, die sich um Mode, die Gräfin Greffuhle und die Herzogin von Guermantes drehen. Zwischen der Garderobe der Gräfin Greffuhle und jener der – fiktionalen – Herzogin von Guermantes scheint kein Unterschied zu bestehen.

Der Stammbaum von Prinzessin Élisabeth de Riquet de Caraman-Chimay, verehelichte Gräfin Greffulhe, reicht in mütterlicher Linie bis zu den Herzögen von Aquitanien. Ihre Familie war hochkultiviert, aber nicht begütert. Die Tür zum materiellen Luxus öffnete sich für Élisabeth, als sie im Alter von 18 Jahren mit Graf Henry Greffuhle verheiratet wurde, dem Alleinerben eines immensen Vermögens. Ihm war der glanzvolle Auftritt wichtig, und die Eleganz und Opulenz der Toilette seiner Gemahlin mehrten seine Reputation. Ihre Auftritte und Roben wurden in der einschlägigen Presse wie bedeutsame Ereignisse kommentiert. Hinter dem öffentlichen Glanz verbarg sich eine unglückliche Ehe, nicht zuletzt wegen der zahllosen Affären des Grafen.

Bis zum Ersten Weltkrieg war Gräfin Greffuhle im Pariser Gesellschaftsleben tonangebend. In ihrem Salon verkehrten Geistesgrößen, gekrönte Häupter und Politiker aller Richtungen, und bei ihren Jagdgesellschaften auf Schloss Bois-Boudran südöstlich von Paris gab sich der europäische Großadel ein Stelldichein. Ungewöhnlich und mutig für ihre Kreise setzte sie sich in der Dreyfus-Affäre öffentlich für eine Rehabilitierung des Verurteilten ein.

Sie war eine bedeutende Förderin der Kultur. Durch die Gründung der Société des Grandes Auditions Musicales de France, die junge Musiker unterstützte und öffentliche Konzerte und Festivals organisierte, schob sie Ende des 19. Jahrhunderts die Grenzen, die dem Wirken einer Frau ihrer Gesellschaftsschicht gegeben war, weit hinaus und schuf sich neue Bühnen und Einflussmöglichkeiten. Kleidung spielte in ihrer Strategie eine wichtige Rolle. Jeden ihrer Auftritte plante sie akribisch. Für ihren letzten Auftritt legte sie bereits im Jahr 1892 in ihrem Testament Details fest. Sie wollte auf ihrem Schloss in einer schwarzen Samtrobe mit venezianischem Spitzenkragen aufgebahrt werden.

Die bekanntesten Couturiers ihrer Zeit fertigten für sie – Worth, Callot Soeurs, Vitaldi Babani, Jeanne Lanvin und Nina Ricci. In der Ausstellung sind fünf Kleidungsstücke von Vitaldi Babani zu sehen, deren gerade Form von der Liberty-Mode und von Mariano Fortuny inspiriert sind, von dem ebenfalls eine Kreation gezeigt wird. Auch in Prousts Roman trägt eine Protagonistin ein Kleid von Fortuny.

Gräfin Greffulhe besaß genug ererbten Geschmack, Vermögen und Selbstsicherheit, um sich mittels ihrer Kleidung als unverwechselbare Persönlichkeit zu inszenieren. Der Schnitt ihrer Kleider betonte ihre hohe, schlanke Gestalt mit der extrem schmalen Taille – sie wusste genau, was ihr stand. Sie bevorzugte expressive Farbzusammenstellungen wie Creme und Schwarz und starke Farben wie Schwarz und Grün. Typisch für Greffuhles Vorlieben für starke Effekte ist ein Satinkleid aus dem Jahr 1897 – das sogenannte Teekleid von Worth – in prononciertem Grün mit großflächig stilisiertem Blütenmuster im Neo-Renaissance-Stil.

Sie wollte auffallen, um jeden Preis. Mit ihrem Auftritt im Byzantinischen Kleid von Worth warf sie im Jahr 1904 einen Schatten auf die Hochzeit ihrer einzigen Tochter Elaine. Nicht das Kleid der Braut zog alle Blicke auf sich, sondern die spektakuläre Robe der Brautmutter, zumal diese – gegen alle Tradition – als Letzte in die Kirche einzog. Das Byzantinische Kleid gehört zu den kostbarsten Stücken der Sammlung des Palais Galliera. Der Goldbrokat ist mit Hunderten von rundgeschliffenen Edelsteinen, Pailletten und Perlen übersät, die in einem wiederkehrenden Muster von stilisierten Granatäpfeln angeordnet sind. Der Schleppsaum ist mit Zobelfell besetzt.

Auch mit ihrem Russischen Cape verstieß Gräfin Élisabeth gegen ungeschriebene Gesetze. Zar Nikolaus II. hatte ihr bei seinem Frankreichbesuch im Jahr 1896 einen weiten, zeremoniellen Mantel aus kostbarem Gewebe aus Usbekistan als Geschenk überreicht. Sie beauftragte das Maison Worth mit der Umarbeitung zu einem Abend-Cape. Le Figaro berichtete im Jahr 1904 über das Aufsehen, das sie damit bei einer Benefizveranstaltung erregte.

Der Epochenbruch des Ersten Weltkriegs brachte deutliche Veränderungen in der sozialen Rangordnung mit sich. Élisabeth Greffuhle fühlte sich fremd in der neuen Gesellschaft, zog sich vorübergehend auf ihr Schloss zurück und züchtete Windhunde. Sie kehrte zwar wieder auf die Pariser Bühne zurück, doch ihre gesellschaftliche Ausstrahlungskraft war gebrochen.

Auch wenn die Moden und die Couturiers wechselten und sie älter wurde, ihrem glamourösen Stil blieb sie treu, wie an einem der jüngsten Modelle in der Ausstellung, einem Abendensemble von Nina Ricci, zu sehen ist. Das flutende Abendkleid im Schrägschnitt ist üppig mit Straußenfedern besetzt und wäre auch für eine Tanznummer von Ginger Rogers mit Fred Astaire ideal gewesen.

Die Ausstellung lebt von der Gleichsetzung Greffulhe-Guermantes, doch ich frage mich – vor allem angesichts eines Paars roter Abendschuhe – ob sie nicht zu weit getrieben wird. Die roten Schuhe beschwören eine Begebenheit aus dem Band Guermantes herauf – in der Ausstellung wird der entsprechende Absatz auf einer Wandtafel zitiert –, in der sich beim Herzogspaar hinter dem Glanz des kultivierten Reichtums eine herzlose Gleichgültigkeit zeigt. Die Beschäftigung mit der festlichen Toilette der Herzogin lässt alles andere in den Hintergrund treten – auch das Sterben eines alten Freundes. Die gedankliche Verschmelzung von realer Gräfin und fiktionaler Herzogin lässt die roten Abendschuhe als frevelhaft erscheinen.

Die Garderobe der Gräfin Greffuhle ist die Quintessenz eines verfeinerten individuellen Geschmacks, der Imagination der besten Modeschöpfer und der Meisterschaft spezialisierter und erfahrener Handwerker. Modischer Luxus beruht auf Handwerkskunst. Jedes Stück in der Ausstellung ist ein Unikat, gefertigt in zeitaufwendiger Handarbeit. Die enormen finanziellen Mittel der Gräfin allein hätten nicht ausgereicht, um ihren exklusiven Kleiderschatz aufzutürmen. Erst das hoch entwickelte Pariser Modesystem machte dies möglich. Die Ausstellung zeigt die Pariser Haute Couture auf ihrem Höhepunkt. Sie zeigt auch, wie viel Wissen und Fertigkeiten ohne die Haute Couture verloren gehen.

Olivier Saillard u.a. (Hg.): La Mode retrouvée – Les robes trésors de la comtesse Greffulhe . Ausstellungskatalog Paris, Musée des Arts décoratifs, 2015, 156 S., 156, zahlr. Abb. ISBN 978-2-7596-0305-3.

 

Das Recht zur kostenfreien Veröffentlichung von Fotos der Ausstellung erlischt am 20. März 2016, deshalb wurden sie 19. März gelöscht.