Im U-Bahnhof Bismarckstraße in Berlin-Charlottenburg traf ich einen gutgelaunten Herrn. Er nannte sich Moll. Vielleicht heißt er tatsächlich so, vielleicht ist das ein Pseudonym. Einen Mollton konnte ich in seinem Outfit nicht entdecken. Im Gegenteil, der rote Mantel, die dreifarbigen Schuhe, das lebhafte Muster von Hemd und Hose: das ist reine Dur-Tonalität. Ein wenig Retro schwingt auch mit.
Von mir auf sein Outfit angesprochen, sagte Herr Moll, am liebsten trage er Kleidung, die ihn an Urlaub erinnere, die gute Laune mache. Seine Frau berate ihn. Die wunderbar bunten, perforierten Lederschnürschuhe – ein absolutes Statement gegen Sneakers-Uniformität – habe sie entdeckt.

Das beherzte Muster von Hose und Hemd lässt an Versace denken. Im Berliner öffentlichen Nahverkehr sind expressive Stoffdessins beim männlichen Teil der Fahrgäste ungewöhnlich. Monochrome Jogginghosen, Sweatshirts und Hoodies aus Fleece herrschen vor. Man kann sich Herrn Moll, wenn er seinen roten Winterwollmantel ablegt und der luftige Stoff darunter voll zur Geltung kommt, auch in Miami Beach vorstellen.

Bei solch heiteren Zufallsbegegnungen in der Berliner U-Bahn kommt kein textiler Winter-Blues auf.
Wie schade, dass ich bereits an der nächsten U-Bahn-Station aussteigen muss. Ich hätte gern mehr über den modebewussten, um nicht zu sagen modemutigen Herrn Moll erfahren, auch über seine Kopfbedeckung. Ein weicher, wollweißer Hut mit blauer Bandgarnitur. Wo sieht man so etwas heute noch?
Alles Gute für Sie, Herr Moll!
Titelfoto: Schuhe von Herrn Moll. Foto © Rose Wagner.
