Summer of Love
Palais Populaire
Berlin, Unter den Linden
> 20.06. – 28.10.2019

Das Jahr 1967 war der Höhepunkt der Hippie-Bewegung in San Francisco und der Bay Area und blieb als Summer of Love im kollektiven Gedächtnis haften. Es ging um Musik, Drogen, Politik und Mode, um neue Formen von Gemeinschaft und Protest. Die Alltagskultur veränderte sich grundlegend. Diesen legendären kalifornischen Sommer ruft jetzt eine Ausstellung im Berliner Palais Populaire in die Erinnerung zurück.

Rund 150 Exponate – Kleidung, Poster, Fotografien –, Musik und psychedelische Lichtinstallationen beschwören die Atmosphäre der Zeit herauf. Zeitlich reicht die Ausstellung über das Jahr 1967 hinaus und bezieht entscheidende politische Umbrüche unmittelbar vorher und nachher mit ein: Bürgerrechtsbewegung, Gründung der Black Panther Party, Proteste gegen den Vietnamkrieg, Gay Pride, Women`s Liberation Movement und die Anfänge von Umwelt-Initiativen. Die Themen der Gegenkultur schlugen sich auch im Textilen nieder.

Hochzeitskleid von Candace und Fred Kling, 1971, handbemalt, Gay-Pride-Regenbogen, Naturmotive. Foto © Rose Wagner

Hochzeitskleid, Candace und Fred Kling, 1971, handbemalt, Gay-Pride-Regenbogen, Naturmotive. Foto © Rose Wagner

Den Auftakt für den Summer of Love machte das Gathering of the Tribes for a Human-Be-in im Januar 1967. Mehr als 40.000 Menschen versammelten sich im Golden Gate Park in San Francisco aus Protest gegen das Verbot der synthetischen Droge LSD. Erstmals kamen die zerstrittenen Gruppen der Region – Bohemiens und friedensbewegte Hippies aus San Franciscos Haight-Ashbury-Bezirk und radikale Polit-Aktivisten aus Berkeley – zu einem gemeinsamen Treffen zusammen. Aus dem Human-Be-in sollte ein neuer, geeinter Stamm (= tribe) hervorgehen – das war die Wunschvorstellung.

Timothy Leary (1920-1996), der bekannte Befürworter von LSD, rief mit den Worten „Turn on, tune in, drop out“ zum Ausstieg aus der traditionellen Gesellschaft auf. Allen Ginsberg (1926-1997), die Lichtgestalt der Beat Generation, deklamierte Gedichte. Big Brother and the Holding Company, Quicksilver Messenger Service und The Grateful Dead – heizten beim Human-Be-in ein. Musik war über alle Differenzen hinweg das verbindende Element der Gegenkultur.

Poster von Rick Griffin mit Aufruf zum Besuch des Human-Be-in, 1967. Die Foto-Montage zeigt einen Ureinwohner mit Gitarre und symbolisiert, dass alle Teile der Gegenkultur durch die Kraft der Musik zusammenfinden. Über der Figur greift eine Hand nach aufleuchtenden Blitzen, eine Anspielung auf das ultra-reine „White-Lightning“-LSD, das beim Human-Be-in verteilt wurde. Foto © Rose Wagner

Im Juni 1967 zog es fast 90.000 Menschen zum dreitägigen Monterey Pop Festival. Es wurde stilbildend für zukünftige Rock-Konzerte – auch für Woodstock. Janis Joplin (1943-1970) und Jimi Hendrix (1943-1970) wurden durch Monterey berühmt. Die Rock-Größen waren auch modische Trendsetter.

Im Laufe des Jahres 1967 strömten über Hunderttausend hippie pilgrims aus aller Welt nach San Francisco. Ihr Slogan lautete Love, Peace and Happiness. Implizit enthalten in diesem Grundsatzprogramm war der Wunsch nach Bewusstseinserweiterung – am besten durch Haschisch oder LSD zu bewirken. Das Wichtigste für viele aus dieser Generation war: „Bloß nicht so werden wie die eigenen Eltern“.

Der Summer of Love dauerte nur eine Saison. Hippie-Zuzug, Drogen und Kriminalität setzten der Region zu und überforderten die Infrastruktur. Bei einem medienwirksamen Trauermarsch unter dem Motto The Death of the Hippie wurde die Bewegung symbolisch zu Grabe getragen. Die Scheinbeerdigung war sowohl als Protest gegen die Kommerzialisierung der Hippie-Bewegung wie auch als Warnung vor weiterem Zuzug nach San Francisco gedacht.

Fünfzig Jahre später wurde in den Fine Arts Museums of San Francisco mit der Ausstellung Summer of Love an die Ereignisse des Jahres 1967 erinnert. Die Schau im Palais Populaire basiert darauf, ist aber kleiner.

Auf Dauer waren die politischen Bewegungen, die sich in den 1960er-Jahren entwickelten, bedeutsamer als die Hippies. In ästhetischer Hinsicht erwiesen sich die Blumenkinder als einflussreicher.

Fotos vom Summer of Love zeigen junge Menschen in farbenfroher Kleidung, Saris, Mini-Röcken, Samt-Umhängen, Lederwesten mit Fransen, Jeans und Zylindern, mit Gehängen aus Glasperlen und Blumen im Haar. Nie zuvor gab es eine solch gemischte Mode-Ästhetik. Nichtwestliches Textilbrauchtum, Bezug auf die Bildwelt der Ureinwohner Amerikas, viktorianisches Erbe, alles war dabei. Für diese Mode-Melange bürgerten sich die Begriffe Hippie Chic oder Bohemian Chic ein. Janis Joplin und Jimi Hendrix kultivierten bei ihren Bühnenauftritten diese Stil-Collage auf unnachahmliche Weise. Zwischen Bühnenkostüm und Alltags-Look bestand kein Unterschied mehr.

Zum ersten Mal bestimmte die Jugend die Richtung der Mode. Hippie-Optik dominierte die Straßenmode und erreichte sogar die Pariser Haute Couture. Wie lebendig der Hippie Chic noch immer ist, zeigt sich jedes Jahr aufs Neue beim Coachella Festival in Kalifornien.

In den 1960er-Jahren waren in den USA textile Handwerkstechniken – Nähen, Sticken, Stricken, Häkeln, Quilten, Batiken, Lederbearbeitung und sogar Weben und Färben von Stoff – noch weit verbreitet. In der Ausstellung sind deshalb überwiegend handgefertigte Unikate zu sehen. Die meisten stammen aus den Sammlungen der Fine Arts Museums of San Francisco, doch auch Designerinnen und Rock-Musiker stellten Stücke für die Ausstellung zur Verfügung.

Viele Frauen kamen durch Zufall zum Mode-Design. Sie nähten zunächst nur Kleidung für sich selbst, ihre Kinder, Freundinnen oder befreundete Rock-Musiker. Sie hatten Freude am Entwerfen und individuellen Gestalten, fielen durch ihren ungewöhnlichen Stil auf und waren bald sehr gefragt. Im Mode-Design fanden sie mit typisch weiblichen Handwerkstechniken ein neues professionelles Betätigungsfeld außerhalb ihres häuslichen Bereiches.

Linda Gravenites (1939-2002) hatte als junges Mädchen in einer südkalifornischen Quäker-Gemeinschaft das Sticken gelernt. In San Francisco teilte sie sich mit Janis Joplin eine Wohnung und war von 1967 bis 1969 eine ihrer wichtigsten Bühnenausstatterinnen.

Linda Gravenites, Handtasche für Janis Joplin, besticktes Ziegenleder, Glasperlen,1967. Foto © Rose Wagner

Linda Gravenites, Handtasche für Janis Joplin, besticktes Ziegenleder, Glasperlen, 1967. Foto © Rose Wagner

Durch Präsident Kennedys Schaffung eines Friedenscorps im Jahr 1961 wurde das Interesse an nicht-westlicher Textilkunst gefördert. Eine Generation junger Amerikaner reiste um den Globus und brachte viele Erinnerungsstücke mit nach Hause.

Yvonne Porcella (1936-2016) sammelte Stoffe und Trachten aus aller Welt und machte durch Patchwork-Ästhetik von sich reden.

Yvonne Porcella, Kleid, ca. 1970, Stoffe aus mittelamerikanischen Kulturen, Bänder aus Osteuropa. Foto © Rose Wagner

Yvonne Porcella, Kleid, ca. 1970, Stoffe aus mittelamerikanischen Kulturen, Bänder aus Osteuropa. Foto © Rose Wagner

Die uralte und weltweit verbreitete Handwerkstechnik der Knüpfbatik kam in der Hippie-Zeit zu neuen Ehren. Eine der wichtigsten Batikerinnen war die Engländerin Marian Clayden (1937-2015), die sich 1967 in San Francisco niederließ, angezogen vom Image der Hippies als the gentle people. Sie fertigte für neun Tourneen des Musicals Hair die Bühnenkostüme. Nach dem Einfärben des Stoffes verwendete Clayden einen fortlaufenden, speziellen Nähstich, durch den ihr mäandernde, organische Formen gelangen.

Marian Clayden, Ohne Titel, Seide, Faden- und Wachsbatik, ca. 1968. Foto © Rose Wagner

Marian Clayden, Ohne Titel, Seide, Faden- und Wachsbatik, ca. 1968. Foto © Rose Wagner

Zum gängigen Outfit der Gegenkultur gehörten Blue Jeans, am besten solche der Firma Levis Strauss aus San Francisco. Denim galt als Material der Arbeiterklasse und war gerade deshalb bei Hippies, die aus der privilegierten Mittelschicht stammten, besonders beliebt, konnten sie sich damit doch optisch von ihrer sozialen Herkunft absetzen. Verwaschene Jeans, aufwendig bestickt, galten in den 1970er-Jahren als das ultimative Statussymbol. Die Kleidung sollte zwar nach Arbeiterklasse aussehen, aber doch nicht allzu sehr. In der Hippiemode war es nicht ungewöhnlich, Symbole von Arbeit und Armut mit Symbolen von Luxus und Überfluss zu kombinieren.

Melody Sabatasso (*1948) verarbeitete abgelegte Denim-Kleidung – auch solche aus Armee-Beständen – und verzierte ihre Kreationen mit Swarovski-Strass.

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Melody Sabatasso, Denim-Einteiler, ca. 1970. Foto © Rose Wagner

Wie keine andere verkörperte die Schwedin Birgitta Bjerke (*1940) die globalen Einflüsse in der Hippie Community. Bjerke war von der Londoner Carnaby Street geprägt und nahm an Hippietreffen in Amsterdam, Ibiza und Marokko teil. Sie fiel durch großflächige Farbkombinationen in gehäkelten Kleidungsstücken auf. Das Häkeln hatte sie von ihrer Großmutter gelernt.

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Birgitta Bjerke, „Hands“-Kleid, Wolle, gehäkelt, ca. 1967-1968, Sammlung der Künstlerin. Foto © Rose Wagner

In manchen von Bjerkes Kreationen glaubt man die Umrisse und das Stäbchenmuster von Großmutters Topflappen zu erkennen. Die Feministin Bjerke wollte nicht auf klassische weibliche Rollenmuster reduziert werden. Etliche ihrer Arbeiten enthalten ironische Anspielungen auf überkommene Ideen. Ein gehäkeltes Hochzeitskleid Bjerkes widerspricht mit seiner Transparenz und Farbigkeit  gewohnten Vorstellungen von Anstand und Sitte. Doch wie soll ihr „Hands“-Kleid interpretiert werden? Als Kommentar zur „MeToo“-Debatte?

Bjerke häkelte Westen für Eric Clapton und The Who. Der Manager von The Grateful Dead holte sie nach San Francisco. Dort hatte sie ihre produktivste Zeit. Später ging sie nach Hollywood und entwarf Filmkostüme.

Birgitta Bjerke, gehäkeltes Hochzeitskleid, Wolle, 1972, Sammlung der Künstlerin. Foto © Rose Wagner

Birgitta Bjerke, gehäkeltes Hochzeitskleid, Wolle, 1972, Sammlung der Künstlerin. Foto © Rose Wagner

Eines der wenigen industriell hergestellten Kleidungsstücke in der Ausstellung ist das „Peace“-Kleid für „the well-dressed peacenik“ der Alvin Duskin Company aus San Francisco. Im Prinzip handelte es sich um einen verlängerten Pullover, der als Mini-Kleid getragen werden konnte. Das Stück wurde in verschiedenen Farbkombinationen angeboten und war jahrelang ein Verkaufsschlager.

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„Peace“-Kleid, Entwurf Marsha Fox, Synthetik-Strick, 1967. Foto © Rose Wagner

Die Faszination der Gegenkultur-Bewegung mit indigenen Kulturen schlug sich in Lederkleidung nieder, die von der Tracht amerikanischer Indianer-Stämme inspiriert war.

„Pathfinder“ Frank Berry, Lederensemble, Silberknöpfe, Knochen- und Messingkugeln, Pferdehaar, Sioux-Perlstickerei, ca. 1970, hergestellt für Peter Kaukonen, Rock-Gitarist, Black Kangaroo. Foto © Rose Wagner

„Pathfinder“ Frank Berry, Lederensemble, Silberknöpfe, Knochen- und Messingkugeln, Pferdehaar, Sioux-Perlstickerei, ca. 1970, hergestellt für Peter Kaukonen, Rock-Musiker, Black Kangaroo. Foto © Rose Wagner

Heute erstaunt der unbefangene Umgang mit materiellen Objekten und Designs indigener und nicht-westlicher Kulturen. In der aktuellen Post-Kolonialismus-Debatte wird dergleichen als kulturelle Aneignung kritisiert. Allerdings war damals der Kulturtransfer nicht nur einseitig. In der Ausstellung sind Poster mit Indianer-Größen zu sehen, die Zylinder tragen. Das Wesentliche an der kulturellen Aneignung durch die Hippies lag in deren Wertschätzung anderer Kulturen. Es war eine Art symbolischer Interaktion.

Drogen waren im Summer of Love allgegenwärtig. Die durch sie hervorgerufenen inneren Erlebnisse fanden nicht nur in der Musik, sondern genauso im Design von Plakaten und Stoffmustern Widerhall. Die Werbegrafik war bewusst in schwer leserlicher Typografie gestaltet und unterschied sich fundamental von bisher Bekanntem.

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Poster aus den Jahren 1967- 68 mit Werbung für Rock-Konzerte. Foto © Rose Wagner

Typisch waren grelle und phosphoreszierende Farben, Komplementärkontraste, die kontinuierliche Wiederholung von Formen sowie stilistische Anleihen an den europäischen Jugendstil.

Jeanne Rose, „DMT“-Kleid (DMT = Dimethyltryptamin, eine halluzinogene Droge), Synthetik-Strick, 1968. Die Farben und das Muster des Kleides kamen am besten bei pulsierendem künstlichem Licht zur Geltung. Foto © Rose Wagner

Jeanne Rose, „DMT“-Kleid (DMT = Dimethyltryptamin, eine halluzinogene Droge), Synthetik-Strick, 1968. Die Farben und das Muster des Kleides kamen am besten bei pulsierendem künstlichem Licht zur Geltung. Foto © Rose Wagner

Welche Turbulenzen sich im Inneren von Drogenkranken abspielten, lässt ein von einer Psychiatrie-Patientin im Rahmen ihrer Kunsttherapie bestickter Krankenhauskittel erahnen. Die Motive spiegeln Halluzinationen nach einem durch Drogen hervorgerufenen Horrortrip wider.

Bestickter Krankenhauskittel, Baumwollgewebe, ca. 1968. Foto © Rose Wagner

Bestickter Krankenhauskittel, Baumwollgewebe, ca. 1968. Foto © Rose Wagner

Die Ausstellung ist anregend und optisch ansprechend gestaltet. Jede Einheit wird von einer erklärenden Schrifttafel abgerundet. Wer Hintergrundinformationen zu einzelnen Exponaten wünscht, sollte den Ausstellungskatalog hinzuziehen. Er ist in der englischen Originalfassung von 2017 im Museums-Shop erhältlich. Der Audio-Guide für die Ausstellung liegt bislang nur in einer Beta-Version vor und enthält hauptsächlich schriftliche Informationen, die auf dem Display schlecht zu lesen sind.

Das Palais Populaire in Berlin war ursprünglich das Prinzessinnenpalais des Hauses Hohenzollern; in der DDR diente es als Operncafé, seit 2018 nutzt die Deutsche Bank den Komplex als Kunst- und Kulturforum. Dass heute konsumkritische Hippies und radikale Protestgruppen im Kulturforum der Deutschen Bank gewürdigt werden, zeigt den radikalen Kulturwandel seit dem Summer of Love.

Kuratoren der Ausstellung:
Jill D`Alessandro und Colleen Terry von den Fine Arts Museums of San Francisco
Friedhelm Hütte, Global Head of Art, Deutsche Bank.

 

Titelfoto: Detail aus Hochzeitskleid von Candace und Fred Kling, 1971, handbemalt, Gay-Pride-Regenbogen, Naturmotive. Foto © Rose Wagner