Swinging London: A Lifestyle Revolution. Terence Conran – Mary Quant

Fashion and Textile Museum
83 Bermondsey Street, London SE1 3XF
> 08.02. – 02.06. 2019

Mary Quant hat den Minirock nicht erfunden, das hat sie selbst auch nie behauptet. Allerdings hat sie dem kurzen Kleidungsstück, das zum Symbol der 1960er Jahre und von „Swinging London“ wurde, seinen Namen gegeben ‒ inspiriert vom Mini Cooper, ihrer Lieblingsautomarke.

Mary Quant, Modelle Linie „Ginger Group“, 1964-1967; gepolsterte Sitzbox aus Sperrholz, Regale und Haushaltsgegenstände „Habitat“ von Terence Conran, ca. 1964. Foto © Rose Wagner

Mary Quant, Modelle Linie „Ginger Group“, 1964-1967; gepolsterte Sitzbox aus Sperrholz, Regale und Haushaltsgegenstände „Habitat“ von Terence Conran, ca. 1964. Foto © Rose Wagner

Mary Quant agierte nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Veränderungen und Schwingungen in ihrem Umfeld. Sie gehörte zu einem Kreis von Kreativen und Intellektuellen, der sich in den frühen 1950er Jahren in London zusammenfand und als „Chelsea Set“ bekannt wurde. Seine Aktivitäten konzentrierten sich auf die Umgebung der Kings´s Road, einer Durchgangsstraße im Stadtteil Chelsea, wo die Ladenmieten günstig waren und Cafés, Bistros und Trattorias immer zahlreicher wurden. Diese verdankten ihre Popularität den weitverbreiteten Reiseberichten und Kochbüchern von Elizabeth David (1913-1992), die gegen eine insulare kulturelle Abschottung anschrieb.

Titel von Elizabeth David in der Ausstellung. Ihr Kochbuchklassiker über die französische Küche wurde kürzlich ins Deutsche übersetzt, mehr als 60 Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung. Foto © Rose Wagner

Titel von Elizabeth David in der Ausstellung. Ihr Kochbuchklassiker über die französische Küche wurde kürzlich ins Deutsche übersetzt, mehr als 60 Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung. Foto © Rose Wagner

Die Erinnerung an die Entbehrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit – im Vereinigten Königreich blieb die Rationierung im Textilbereich bis Ende 1948 in Kraft – verblasste allmählich. Die Einkommensentwicklung verlief positiv, und mehr und mehr junge Leute hatten Geld zur Verfügung, das sie für Kleidung und Einrichtungsgegenstände ausgeben konnten. Das Leben machte wieder Spaß. Lebensstil und Konsumverhalten wandelten sich schnell und nachhaltig.

Die Mitglieder des „Chelsea Set“ entfernten sich von tradierten Geschmacksvorlieben und setzten beim Design von Mode und Möbeln neue Maßstäbe. Die Gruppe strömte eine mitreißende Energie aus, die auch Bereiche wie Musik, Fotografie und Filmästhetik erfasste. Hier liegt die Quelle der britischen „Pop Revolution“.

Die Ausstellung im Fashion and Textile Museum präsentiert Mode, Heimtextilien, Möbel, Lampen, Keramik sowie  Poster und andere Kleindrucksachen aus den 25 Jahren von 1952 bis 1977, die einen anschaulichen Eindruck über das gestalterische Spektrum des „Chelsea Set“ verschaffen.

Blick in die Ausstellung. Foto © Rose Wagner

Blick in die Ausstellung. Foto © Rose Wagner

Den Kern des „Chelsea Set“ bildeten Terence Conran (*1931) und Mary Quant (*1934), doch in der Ausstellung werden auch andere Mitglieder gewürdigt wie der Bildhauer und Textildesigner Luigi Paolozzi (1924-2005), der aus dem nationalsozialistischen Deutschland emigrierte Industriedesigner Bernard Schottlander (1924-1991), der Fotograf Nigel Henderson (1917-1985), der Ingenieur Bernard Albert Ashley (1926-2009) und die Designerin Laura Ashley (1925-1985).

Pop-Art-Muster von Eduardo Paolozzi, li., Kleid von John Tullis, 1953. Foto © Rose Wagner

Pop-Art-Muster von Eduardo Paolozzi, Kleid von John Tullis, 1953. Foto © Rose Wagner

Die Ashleys stellten zunächst am häuslichen Küchentisch Kleintextilien wie Servietten und Platzdeckchen her und bedruckten den Stoff mit einer Maschine, die Bernard Albert Ashley eigens zu diesem Zweck konstruiert hatte. Für das Design von Kleidern entwickelte er Schnittvorlagen, die den Produktionsprozess erheblich beschleunigten. In den späten 1960er Jahren schlugen die Ashleys in ihrer Mustergestaltung eine viktorianisch-romantisierende Richtung ein, bekannt als „urban ruralism“.  Die Ashleys errichteten in Wales eine  Produktionsstätte und expandierten zu einem weltweiten Textilimperium.

v.l. „Basic dress“, ca. 1961, eines der ersten Kleider, die unter dem Label „Lau-ra Ashley“ verkauft wurden, produziert in einem neuen Produktionsstandort in Wales. Das Kleid bestand aus nur vier Teilen, der Fertigungsprozess dauerte 10-15 Minuten, daneben „Smock dress“, ca. 1964-1966, eine Weiterentwick-lung des „Basic dress“, typisch für das Ashley-Design Mitte der 1960er Jahre. Foto © Rose Wagner

v.l. „Basic dress“, ca. 1961, eines der ersten Kleider des Labels „Laura Ashley“. Es bestand aus nur vier Teilen, der Fertigungsprozess dauerte 10-15 Minuten, daneben „Smock dress“, ca. 1964-1966, eine Weiterentwicklung des „Basic dress“, typisch für das Ashley-Design Mitte der 1960er Jahre. Foto © Rose Wagner

Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf ästhetische und formale Aspekte, sondern berücksichtigt auch sozio-ökonomische Faktoren. Alle wichtigen Akteure des „Chelsea Set“ waren wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich. Sie entwickelten neue Produktions- und Distributionsmethoden, Geschäftsmodelle und Finanzierungskonzepte sowie Formen der Kooperation. Sie produzierten schon früh für den Massenmarkt und machten innovatives Design neuen Zielgruppen zugänglich.

Alle aus dem inneren Zirkel des „Chelsea Set“ wurden für ihre Verdienste von Königin Elisabeth ausgezeichnet. Mary Quant wurde zudem anlässlich ihres 75. Geburtstages im Jahr 2009 mit einer Briefmarke der Royal Mail gewürdigt.

Ihre erste Boutique eröffnete Mary Quant 1955. Anfänglich hatte sie nur hochwertige Konfektion von verschiedenen Textilproduzenten im Angebot. Doch ihre jungen Kundinnen und auch sie selbst waren damit nicht zufrieden. Sie wollten sich nicht mehr kleiden wie ihre Mütter. Sie wollten etwas Neues, etwas, das ihrem Lebensgefühl besser entsprach als das gewohnte Brave – und vor allem verlangten sie immer kürzere Röcke, so berichtet es Quant. Deshalb begann sie, ihre eigene Mode zu entwerfen.

Aus heutiger Sicht wirken ihre frühen Modelle fast matronenhaft, wenngleich die Kleider für die damalige Zeit schon ziemlich kurz waren, gerade geschnitten und auf verschnörkelnde Verzierungen verzichteten.

Modelle von Mary Quant, 1958-1960, Möbel von Terence Conran, Lampe von Bernard Schottlander; im Hinter-grund Vergrößerung der Briefmarke der Royal Mail von 2009 mit Quant-Mini-Kleid. Foto © Rose Wagner

Modelle von Mary Quant, 1958-1960, Möbel von Terence Conran, Lampe von Bernard Schottlander; im Hintergrund Vergrößerung der Briefmarke der Royal Mail von 2009 mit Quant-Mini-Kleid. Foto © Rose Wagner

Sie setzten sich bereits deutlich von der damenhaften Mode des „New Look“ ab, mit der Christian Dior in seiner Pariser Debütkollektion im Februar 1947 Wespentaille, Korsett, Hüftpolster und wadenlange Röcke propagierte und einem rückwärtsgewandtem Frauenbild den Weg bereitete. Diors Mode war in Großbritannien in den frühen 1950er Jahren ungemein erfolgreich – vor allem in der Upper Class.

Seit Anfang der 1960er Jahre wurden Quants Entwürfe kürzer, farbiger und mutiger, seit Mitte der 1960er Jahre stand ihr Name für Minirock, Hotpants, Hängerkleidchen, Bubikragen, farbige Strumpfhosen und PVC-Mäntel. Ihre Mode signalisierte Jugendlichkeit, Bewegungsfreiheit und Unkompliziertheit.

Label „Alligator by Mary Quant“, ca. 1966. Foto © Rose Wagner

Label „Alligator by Mary Quant“, ca. 1966. Foto © Rose Wagner

Quant baute verschiedene Modelinien auf, besonders preisgünstig war die 1963 gegründete Linie „Ginger Group“. Sie entwarf Modelle für die amerikanische Kaufhaus-Kette J.C. Penney und entwickelte Schnittmuster, die von „Butterick“, dem führenden amerikanischen Verleger für Papiervorlagen, weltweit vertrieben wurden.

v.l. Ensemble, beige-farbiger Wollstoff, 1968, daneben „Pinaforte“, grauer Flannell, eines der ersten Modelle für J.C. Penney, Label „Designed for Pen-ney´s by Mary Quant, Made in England“. Foto © Rose Wagner

v.l. Ensemble, beige-farbiger Wollstoff, 1968, daneben „Pinaforte“, grauer Flannell, 1962, eines der ersten Modelle für J.C. Penney, Label „Designed for Penney´s by Mary Quant, Made in England“. Foto © Rose Wagner

Marketing und Organisation lagen in den Händen von Mary Quants Ehemann, Alexander Plunket Greene (1932-1990), der auch die Expansion auf dem amerikanischen Markt forcierte und den weltweiten Verkauf von Lizenzen vorantrieb. Die Arbeitsteilung im Hause Quant folgte dem gleichen Modell wie bei den Ashleys. Die Frauen waren für das Ästhetische zuständig, die Männer sorgten für das Geschäftliche. In beiden Fällen war es eine glückliche Konstellation.

Mary Quant entwarf auch Schmuck – äußerst beliebt waren ihre Plastik-Ohrringe im Op-Art-Design – und Kosmetik; vor allem die künstlichen Wimpern fanden reißenden Absatz.

Quants Kosmetik-Produkte, einschließlich künstlicher Wimpern. Foto © Rose Wagner

Quants Kosmetik-Produkte, einschließlich künstlicher Wimpern. Foto © Rose Wagner

Quant war selbst die beste Werbung für ihre Mode, ihre Pagenkopf-Frisur von Vidal Sassoon unterstrich ihren jugendlichen Look. Quants Popularität wurde zusätzlich dadurch gesteigert, dass bekannte Models sowie Freundinnen der Rolling Stones und der Beatles – Grace Coddington, Jean Shrimpton, Twiggy, Jane Asher, Pattie Boyd – und Pop Stars wie Cilla Black ihre Mode trugen.

Space-Age-Regenkleidung aus Vinyl, Label „Alligator by Mary Quant“, 1966. Foto © Rose Wagner

Space-Age-Regenkleidung aus Vinyl, Label „Alligator by Mary Quant“, 1966. Foto © Rose Wagner

Quant hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie die Mode von André Courrèges (1923-2016) und Pierre Cardin (*1922), die in Frankreich den Minirock einführten, sehr schätzte. Die französische Minirock-Version war jedoch nie so kurz wie die von Quant. In der Ausstellung ist eine Ecke den Designern gewidmet, die sie als Vorbild nennt. Dazu gehören neben den bereits Erwähnten auch Coco Chanel (1883-1971) sowie die schottische Designerin Jean Muir (1928-1995).

v.l. Jean Muir, 1961, Coco Chanel 1954, Pierre Cardin 1967 u. 1966, André Courrèges, 1966. Foto © Rose Wagner

v.l. Modell von Jean Muir, 1961, Coco Chanel 1954, Pierre Cardin 1967 u. 1966, André Courrèges, 1966. Foto © Rose Wagner

So wie Mary Quant für den Minirock steht, prägte Terence Conran maßgeblich das moderne Möbeldesign und die Art und Weise, wie wir uns heute einrichten. Er stattete 1957 eine Boutique für Mary Quant aus, mit Leuchten von Bernard Schottlander und großen Schaufenstern, die Vorübergehenden einen Blick auf das Geschehen im Laden erlaubte, was bis dahin ungewöhnlich war.

Modelle von Mary Quant, 1962-1963; „Cone chair“, Terence Cochran, 1953; Fotoporträt Cochrans von Nigel Henderson, ca. 1952, Baumwollstoff „Chequers“ von Cochran, 1949. Foto © Rose Wagner

Modelle von Mary Quant, 1962-1963; „Cone chair“, Terence Cochran, 1953; Fotoporträt Cochrans von Nigel Henderson, ca. 1952, Baumwollstoff „Chequers“ von Cochran, 1949. Foto © Rose Wagner

Conran war von französischer Lebensart fasziniert. Angeregt durch die Bücher von Elizabeth David eröffnete er Anfang der 1950er Jahre in Chelsea ein Restaurant, später betrieb er ein Café. Möbel restaurierte, entwarf und verkaufte er seit den frühen 1950er Jahren. Typisch für ihn waren bunte Farben und gradlinige Formen. Er bot als Erster Möbel zum Selbst-Zusammenbauen an.

Im Jahr 1964 startete Conran die Kette „Habitat“, die nicht nur Möbel, sondern auch ungewöhnliche Haushaltswaren – wie Woks – sowie von renommierten Designern entworfene Stoffe anbot. „Habitat“ war ein „Lifestyle Store“, Musik lief vom Band, und die lokale Kunst- und Musikszene gab sich dort ein Stelldichein. In den Anfangsjahren war „Habitat“ von der Aura eines egalitären Idealismus umgeben.

Installation „Habitat“ mit Original-Möbeln und Haushaltswaren von Conran sowie Mary-Quant-Modellen, ca. 1965-1969. Foto © Rose Wagner

Installation „Habitat“ mit Original-Möbeln und Haushaltswaren von Conran sowie Mary-Quant-Modellen, ca. 1965-1969. Foto © Rose Wagner

Im Jahr 1992 verkaufte Conran „Habitat“ an IKEA, widmete sich fortan der Umgestaltung einer heruntergekommenen Londoner Hafengegend, eröffnete wieder ein Restaurant und schrieb Bücher.

Wer an britischem Nachkriegsdesign interessiert ist, wird von der Ausstellung im Fashion and Textile Museum angetan sein. Es gibt seltene Beispiele aus der frühen Schaffensperiode der Designer zu sehen, und es wird deutlich, wie stark sie durch ihr urbanes Umfeld geprägt wurden. Nur in London war ein vergleichbarer Modernitätssprung zu diesem Zeitpunkt denkbar.

Eine Ausstellung, die sich ausschließlich der Mode von Mary Quant widmet, läuft zur gleichen Zeit im Victoria and Albert Museum.

Kurator der Ausstellung:   Dennis Nothdurft, Fashion and Textile Museum
Gastkuratoren:                   Geoff Rayner und Richard Chamberlain, Target Gallery
Ausstellungsdesign:           Beth Ojari
Exponate:                            Target Gallery

 

Titelfoto: Bezugsstoff „Chequers“, Terence Conran, ca. 1949, entworfen während seines Studiums an der Central School of Arts and Crafts, London. 
Der Stoff wurde zum Beziehen von Matratzen verwendet. Foto © Rose Wagner