Eckhaus Latta: Possessed
Whitney Museum of American Art
99 Gansevoort Street, New York, NY 10014
>03.08. – 08.10.2018

Selten wurde in einem Kunstmuseum der Zusammenhang zwischen Mode und Kommerz so unverblümt herausgestellt wie in der Ausstellung Eckhaus Latta: Possessed im Whitney-Museum. Es geht um „desire and consumption“, um „an opportunity to observe and consume“.

Das Ganze ist in den Mantel der Konsumkritik gehüllt. Im Zentrum steht das Label Eckhaus Latta, dem der Ruf vorauseilt, cool, fortschrittlich und gendergerecht zu sein.

Hinweis auf die Ausstellung im Foyer des Museums. Foto © Rose Wagner

Hinweis auf die Ausstellung im Foyer des Museums. Foto © Rose Wagner

Die Schau Eckhaus Latta: Possessed unterscheidet sich deutlich von dem, was gemeinhin unter einer Modeausstellung in einem Museum verstanden wird. Die Bezeichnungen Museumsshop, Boutique, Verkaufsexperiment oder Konzeptkunst wären genauso passend. Das Designer-Duo Mike Eckhaus und Zoe Latta, dem die Ausstellung gewidmet ist, spricht von einem „operational retail environment“. Gezeigt und zum Verkauf angeboten wird eine limitierte Kollektion ihres Labels, die speziell für diesen Anlass entworfen wurde.

Sommermode mit Fransen aus Perlen. Foto © Rose Wagner

Sommermode mit Fransen aus Perlen. Foto © Rose Wagner

Eckhaus und Latta haben die Ausstellung nicht nur konzipiert, sondern führen sie im Auftrag des Whitney Museum of American Art auch selbst durch. Unterstützt wurden sie dabei von Christopher Y. Lew und Lauri Freedman, Kuratoren des Museums. Das Ganze findet im Rahmen eines Programms zur Nachwuchsförderung statt. Das Label Eckhaus Latta versteht sich als „part of a new generation of designers operating at the intersection of fashion and contemporary art“. Genau diese Verschmelzung von Mode und Gegenwartskunst macht die Zusammenarbeit mit dem Label für ein Kunstmuseum attraktiv.

Das Whitney hat das Ohr am Puls der Zeit. Im Jahr 1997 veranstaltete es anlässlich der Modeausstellung The Warhol Look: Glamour, Style, Fashion eine Party, bei der sich glamouröse Fashionistas ein Stelldichein gaben, darunter Carolyn Bessette-Kennedy und John F. Kennedy Jr. Gefeiert wurde die neue Celebrity Culture, in der Prominente dem Rest der Welt zeigen, was en vogue ist. Dass nach fast zwanzigjähriger Mode-Abstinenz des Whitney das Label Eckhaus Latta eingeladen wird, sagt einiges über dessen Stellenwert in der Kunst- und Modeszene aus sowie darüber, was das Museum heute für relevant hält.

Mike Eckhaus aus New York und Zoe Latta aus Los Angeles gründeten ihr Label im Jahr 2011. Ihre Entwürfe zeichnen sich durch die Verwendung ungewöhnlichen Materials – darunter transparente Polyesterfolie, Bast oder rostiges Feinstahlblech – und durch eine Tendenz zur „ugly fashion“ aus, wie Robin Givhan, die Modekritikerin der Washington Post, bemerkt.

Ausstellungsstücke: klassisch in Denim und unkonventionell in Bast. Foto © Rose Wagner

Ausstellungsstücke: klassisch in Denim und unkonventionell in Bast. Foto © Rose Wagner

Eckhaus Latta entwerfen Kleidungsstücke in genderneutraler Ästhetik, doch auch solche in geschlechtsspezifischem Look, etwa transparente Blusen und Kleider für Frauen, die recht offenherzig sind. Das Designer Duo selbst spricht von einem „design without an ideal wearer in mind“.

Durchschaubares Oberteil. Foto © Rose Wagner

Durchschaubares Oberteil. Foto © Rose Wagner

Die Runway-Shows des Labels bei der New York Fashion Week werden für ihre Diversität gelobt: verschiedene Rassen/Ethnien, Geschlechter, Altersgruppen, Größen und Körperformen sind vertreten; auch Schwangere und Behinderte treten auf.

Einem größeren Publikum wurde Eckhaus Latta durch eine Werbekampagne bekannt, die Menschen aller möglichen sexuellen Orientierungen – keine Schauspieler oder Models – beim Sex zeigt. Am entblößten Leib der Kopulierenden ist auch Kleidung des Labels Eckhaus Latta zu sehen. Die Geschlechtsteile sind auf den Fotos grob gepixelt, was im Ergebnis wie eine Betonung des Aktes wirkt. Das Designer-Duo gab an, mit dieser Sex-Foto-Serie einen kritischen Beitrag zum Voyeurismus in der Werbung liefern zu wollen. Die Fotos sind weiterhin auf der Instagram-Seite des Labels zu sehen.

Der Ausstellungsraum von Possessed im Erdgeschoss des Whitney-Museums ist in drei Zonen aufgeteilt. In der ersten, dem schlauchartigen Eingangsbereich, springen großformatige Fotos in Lichtboxen ins Auge, die das Model Gemma Ward in Kleidern des Labels zeigen. Simuliert wird eine hochkarätige Werbekampagne, wie sie von Richard Avedon oder Steven Meisel fotografiert worden sein könnte.

Blick in den Eingangsbereich der Ausstellung. Foto © Rose Wagner

Blick in den Eingangsbereich der Ausstellung. Foto © Rose Wagner

Die zweite Zone besteht aus dem karg ausgestatten Verkaufsraum mit Umkleidekabine und Ankleidespiegel. Er wirkt wie eine leergeräumte, große Garage, die mit Teppichen und farbigen Deko-Elementen wohnlicher gestaltet werden soll. Das Ganze ist eine künstliche Realität.

Blick in den Verkaufsraum. Foto © Rose Wagner

Blick in den Verkaufsraum. Foto © Rose Wagner

Teppich im Verkaufsraum. Ausschnitt. Foto © Rose Wagner

Teppich im Verkaufsraum. Ausschnitt. Foto © Rose Wagner

Vom Verkaufsraum aus betritt man durch einen Vorhang die dritte Zone, einen abgedunkelten Raum, auf dessen Stirnseite auf Bildschirmen Aufnahmen in Echtzeit aus dem Whitney-Museumsshop und aus verschiedenen Läden von Eckhaus Latta flimmern. Jedem Besucher wird die allgegenwärtige Überwachung beim Einkaufen ins Bewusstsein gerufen. Mich erinnerte die große Leinwand mit den Überwachungsaufnahmen an die Eröffnungssequenz der US-Fernsehserie „24“ mit Kiefer Sutherland (Events took place in real time…). Auch das Geschehen in der Ausstellung wird gefilmt. Es wird versichert, dass die Aufnahmen nicht online gehen oder sonst wie weiterverwendet werden.

Überwachungskameras halten das Verkaufsgeschehen fest. Foto © Rose Wagner

Überwachungskameras halten das Verkaufsgeschehen fest. Foto © Rose Wagner

Die Entwürfe von Eckhaus Latta hängen an Kleiderstangen und an Wandhaken oder liegen gestapelt in Regalen und auf Kisten.

Alles signalisiert: fass mich an, zieh mich an, kauf mich.

Blick vom Verkaufsraum zum Eingangsbereich. Foto © Rose Wagner

Blick vom Verkaufsraum zum Eingangsbereich. Foto © Rose Wagner

Es gibt Gehäkeltes, Geschlungenes und Fransiges zu kaufen, Oberteile mit überraschenden Öffnungen und Röcke mit Durchblicken, aber auch T-Shirts und Jacken in klassischem Schnitt. Manche Kleidungsstücke rufen mit sommerlicher Farbigkeit die Vorstellung von kalifornischer Sonne und Lebensfreude hervor. Andere – wie Jeansjacken und Hosen – lassen an den sportlichen New-Yorker-Stil denken.

Klassisch und konventionell. Foto © Rose Wagner

Klassisch und konventionell. Foto © Rose Wagner

Verrätseltes und intellektuell Verbrämtes ist auch zu finden. Auf beige-farbenen T-Shirts steht in rot-blau-weißen Buchstaben: „I was on the American Flag´s website“. Jeanshosen zeigen den Aufdruck: „Remember you were made to be used“.

T-Shirts mit Aufdruck; im Hintergrund ein „Verkäufer“. Foto © Rose Wagner

T-Shirts mit Aufdruck; im Hintergrund ein „Verkäufer“. Foto © Rose Wagner

Mit dem Betreten des Verkaufsraumes werden Besucher der Ausstellung zu potentiellen Kunden. Verkaufspersonal streift umher, ermuntert zum Anprobieren und verhält sich wie in einer Boutique im echten Leben.

Umkleidekabine, Patchwork-Streifen, mit Plastikfolie beklebt. Foto © Rose Wagner

Umkleidekabine, Patchwork-Streifen, mit Plastikfolie beklebt. Foto © Rose Wagner

Die Preise für die Ware liegen zwischen 140 Dollar für ein kurzärmeliges T-Shirt und 3500 Dollar für einen handgestrickten Rock. Die Preise sind höher als im Online-Shop, weil es sich in der Ausstellung Possessed um Kunst handelt. Mitglieder des Freundeskreises des Whitney-Museums erhalten einen Preisnachlass.

Beim Anblick eines bestimmten T-Shirts erlag ich fast der Versuchung des Habenwollens. Dass es nicht zum Kauf kam, lag nicht nur am Preis, sondern auch daran, dass das T-Shirt, das mir besonders gut gefiel, nicht mehr in meiner Größe vorrätig war.

Limitierte Auflage von T-Shirts. Foto © Rose Wagner

T-Shirts, limitierte Auflage. Foto © Rose Wagner

Da für Possessed lediglich eine limitierte Auflage produziert wurde, erfolgt keine Nachlieferung. Ein anderes Oberteil, das im Prinzip auch für mich in Frage gekommen wäre, sah so „angegrabbelt“ aus, dass ich es noch nicht einmal anprobieren mochte. Es fühlte sich an wie früher im Ausverkauf, also wie im richtigen Leben, nicht wie in einer Modeausstellung in einem Museum. Die Simulation von Wirklichkeit funktioniert.

Das Label Eckhaus Latta arbeitet mit Künstlern der verschiedensten Richtungen zusammen, die Rede ist von „collaborative modes of creation“. An Possessed ist ein gutes Dutzend beteiligt; sie steuerten Regale, Kleiderständer, Dekorationselemente, Accessoires, Teppiche, Spiegel und den Vorhang für die Umkleidekabine bei.

Ankleidespiegel. Foto © Rose Wagner

Ankleidespiegel. Foto © Rose Wagner

Aus dem Umfeld des Designer Duos kommen auch die jungen Männer und Frauen, die  in der Ausstellung das Verkaufspersonal spielen.

Wie sehr Eckhaus Latta: Possessed dem Zeitgeist verpflichtet ist, zeigt sich auch daran, dass das Fotografieren und Posten auf Instagram ausdrücklich erwünscht sind. Jeder Instagram-Post und jeder Hashtag ‒ #Eckhaus_Latta ‒ dienen der Verkaufsförderung.

Wo die Grenze zwischen Kunst, Mode und Kommerz verläuft, muss jeder Besucher der Ausstellung für sich selbst entscheiden. Bei mir gewann die Mode. Wie erfolgreich Eckhaus Latta: Possessed bei der Weckung von Konsumwünschen ist, habe ich (fast) am eigenen Leib erlebt.

 

Titelfoto: Sommermode von Eckhaus Latta mit Fransen. Foto © Rose Wagner