Gianni Versace Retrospective
Kronprinzenpalais, Berlin
> 30. Januar – 13. April 2018

Die Gianni Versace Retrospective im Berliner Kronprinzenpalais wird vom Veranstalter als „bislang weltweit aufwändigste Ausstellung“ über den „Jahrhundert-Designer“ angekündigt. Mit rund 300 Stücken gibt es in der monografisch angelegten Ausstellung viel Versace zu sehen. Ein Rückblick  auf das Gesamtwerk des Designers ist die Ausstellung allerdings nicht.

Der Schwerpunkt liegt auf den 1990er Jahren. Versaces Anfänge sowie die achtziger Jahre werden nur mit wenigen Beispielen dokumentiert; seine Arbeiten für Oper und Ballett fehlen. Dennoch lohnt sich der Besuch der Ausstellung.

Gianni Versace (1946-1997) stammt aus Reggio Calabria in Süditalien. Die ersten Kollektionen für sein neugegründetes Label Gianni Versace zeigte er 1978 in Mailand. Zuvor hatte er Prêt-à-Porter für große Konfektionsunternehmen entworfen. Seine auffallenden Werbekampagnen mit bekannten Fotografen und Models – darunter Linda Evangelista, Cindy Crawford und Naomi Campbell – setzten Standards für erfolgreiche Markenbildung.

Zu seinem universal erkennbaren Logo bestimmte der Italiener Versace den Kopf der Medusa, eines Ungeheuers aus der griechischen Mythologie. Mit der Mäander-Kette – sie steht für ein trügerisches Irrsal – wählte Versace für seine Bildsprache noch ein weiteres Motiv mit universalem Bekanntheitsgrad und hohem Wiedererkennungswert.

Mäandermuster und Medusenköpfe auf Seide, vermutl. Anfang 1990er Jahre. Foto © Rose Wagner

Mäandermuster und Medusenköpfe auf Seide,
vermutl. Anfang 1990er Jahre. Foto © Rose Wagner

Neben Prêt-à-Porter entwarf Versace Haute-Couture-Mode. Zu seinen Kundinnen zählte Prinzessin Diana. In der Gianni Versace Retrospective finden sich mehrere Kleider, die einen Eindruck vom Raffinement der Haute-Couture-Linie vermitteln, darunter ein kurzes Seidenkleid mit einem handbestickten Oberteil nach einem Gemälde von Gustav Klimt.

Haute Couture, handgesticktes Jugendstil-Motiv, 1991, nach dem Gemälde „Goldene Adele“ von Gustav Klimt. Foto © Rose Wagner

Haute Couture, handgesticktes Jugendstil-Motiv, 1991, nach dem Gemälde „Goldene Adele“ von Gustav Klimt. Foto © Rose Wagner

Seine Laufsteg-Schauen inszenierte Versace als spektakuläre Events, bei denen Popstars und andere Publikums-Magneten in der ersten Reihe platziert wurden. Bei keiner Oscar-Verleihung fehlten Abendkleider aus seinem Atelier. Versaces Mode stand für Glamour, Sichtbarkeit, Übersteigerung – und nicht zuletzt für Provokation.

Seine offen gelebte Homosexualität war damals noch keineswegs selbstverständlich.

Handbestickte Herrenweste, Satinhose mit Schlangenmuster, 1992. Foto © Rose Wagner

Handbestickte Herrenweste, Satinhose mit Schlangenmuster, 1992. Foto © Rose Wagner

Versaces Bondage-Kollektion von 1991/1992 fand der Modekritiker der New York Times seinerzeit „beunruhigend“, und Suzy Menkes von der New Herald Tribune sah durch diesen Bondage-Stil Frauen auf Sexual-Objekte reduziert. Über die Sexualisierung des Männerkörpers wurden keine vergleichbar kritischen Stimmen laut.

Catsuit aus der Bondage-Kollektion, Gürtel mit Medusen-Köpfen, 1992. Foto © Rose Wagner

Catsuit aus der Bondage-Kollektion, Gürtel mit Medusen-Köpfen, 1992. Foto © Rose Wagner

Versace führte Elemente der Straßenmode und des Punk in die Couture ein. Lederjacken – durch Männer wie Marlon Brando, Gene Vincent und Jim Morrison mit der Vorstellung von Virilität und Rebellion aufgeladen – finden sich in vielen seiner Kollektionen. Damit war er keineswegs der Erste, Yves Saint Laurent hatte bereits 1960 für Dior eine Art Rocker-Lederjacke gezeigt, doch erst durch Versace wurden diese Kleidungsstücke  in der Couture selbstverständlich.

Er ließ die Tradition der bunten Seidenblusen wiederaufleben, die sein Landsmann Emilio Pucci (1914-1992) begründet hatte, bei Versace waren sie vor allem für Männer gedacht.

Blick in den Saal „Uniforms“, 30 Versace-Seidenhemden aus den 1990er Jahren. Foto © Rose Wagner

Blick in den Saal „Uniforms“, 30 Versace-Seidenhemden aus den 1990er Jahren. Foto © Rose Wagner

Versaces Vorliebe für Tierfell und dessen Symbolgehalt – Stärke, Überlegenheit und Sex Appeal – zeigt sich auch in der Verwendung von Mustern, die dem Fell von Großkatzen nachempfunden sind. In der Ausstellung kommt es allerdings zu einer  Leoparden-Print-Überdosierung, die den intendierten Effekt in sein Gegenteil verkehrt. Das mag auch daran liegen, dass die Schaufensterfiguren so hüftsteif wirken.

Leggings, Weste und Blazer in Leopardenmuster, 1990er Jahre. Foto © Rose Wagner

Leggings, Weste und Blazer in Leopardenmuster, 1990er Jahre. Foto © Rose Wagner

Trotz schriller Muster-Zusammenstellungen, S&M-Anmutung, alles offenbarender Leggings und Stoffaussparungen für nackte Haut, kann Versace nicht auf diese Aspekte allein reduziert werden. Er sexualisierte den Körper – den männlichen wie den weiblichen –  und spielte gleichzeitig mit androgynen Elementen, indem er feminin konnotierte Stoffe und Muster für Männerkleidung verwendete und maskulin konnotierte Lederkleidung für Frauen.

Bunter Seidenblazer mit Hemd, vermutl. 1991. Foto © Rose Wagner

Bunter Seidenblazer mit Hemd, vermutl. 1991. Foto © Rose Wagner

Das als Gender-Bending bezeichnete Phänomen ist in der Mode nicht neu. Schon im späten 18. Jahrhundert wurde es von den englischen Macaroni – extrem modebewussten jungen Männern – praktiziert. Im 20. Jahrhundert traten Künstler wie David Bowie in explizit effeminierter Kleidung auf. Marlene Dietrich trug Zylinder und Smoking, während sie gleichzeitig die verruchte Verführerin gab.

Versace kombinierte unterschiedliche Materialien und Stile – Lederjacken zu Abendroben –, experimentierte mit technischen Textilien und erfand den Metallstrickstoff Oroton, der auch als Crystal Mesh bekannt ist.

Oroton-Ensemble, Vorführ-Version, 1997. Foto © Rose Wagner

Oroton-Ensemble, Vorführ-Version, 1997. Foto © Rose Wagner

Der Designer drückte den 1980er und 1990er Jahren seinen Stempel auf. Er trug – neben Giorgio Armani, der mit  lässiger Nonchalance und  elegantem Understatement einen völlig anderen Stil  verkörperte, – wesentlich zum Aufstieg der italienischen Mode zu Weltgeltung bei.

Er wurde mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen geehrt. Bereits im Jahr 1985 richtete das Victoria & Albert Museum in London eine große Versace-Ausstellung aus. Im Kunstgewerbemuseum Berlin war seine Mode 1994 zu sehen.

Bedruckte Seide für Männer, 1990er Jahre. Foto © Rose Wagner

Bedruckte Seide für Männer, 1990er Jahre. Foto © Rose Wagner

Zum Zeitpunkt seines gewaltsamen Todes – Versace wurde 1997 auf den Stufen seiner Villa in Miami Beach, Florida, erschossen – war er einer der bekanntesten Modeschöpfer der Welt.

Heute wird das Modehaus Versace von Giannis Schwester Donatella geführt.

Aus Versaces frühen Jahren gibt es mit einem Lederblouson von 1978 mit Metall-Strick in der Ausstellung ein gutes Beispiel für seinen innovativen Materialmix zu sehen. Leider wird dieses Exponat nicht mit einem entsprechenden Hinweis gekennzeichnet.

Rechts Lederblouson mit Einsatz aus Metall-Strick, vermutl. 1978. Foto © Rose Wagner

Rechts Lederblouson mit Einsatz aus Metall-Strick, vermutl. 1978. Foto © Rose Wagner

Der Mangel an informativen Hinweisen ist ärgerlich. Zwar steht in jedem Saal der thematisch organisierten Ausstellung – wie „Black and Gold“, „Diversity“ oder „Uniforms“ – eine Informationstafel, doch deren Aussagegehalt ist mager. Auf der Tafel zum Thema „Gods and Goddesses“ heißt es lediglich: „Ikonische Kleidungsstücke für Männer und Frauen, die die Spitze seiner Kunst reflektieren“.

Die Tafel zum Thema „Men without Ties“ war bei der Eröffnung noch völlig leer und wurde später mit dem Versace-Zitat: „Ich liebe Männer, die den Mut haben, Helden zu werden“ beschriftet. Der Kurator Karl von der Ahé teilte auf Anfrage mit, die informative Schlichtheit sei der knappen Vorbereitungszeit geschuldet, Nachbesserungen seien zu erwarten.

Die Gianni Versace Retrospective wird von dem – zu diesem Zweck gegründeten – Verein Fashion & Culture veranstaltet. Zu den Sponsoren zählen die Deutsche Lottostiftung, das Wolfskin Tech Lab, Hasselblad sowie Ebay. Bei Ebay soll während der Laufzeit der Ausstellung ein geknüpfter Teppich mit dem für Versace typischen Motiv Teatro versteigert werden. Die Anbieterin, eine der ausstellenden Versace-Sammlerinnen, erhofft sich einen Erlös von 80.000 Euro, wie die Ko-Kuratorin der Ausstellung – Saskia Lubnow – erzählt.

Knüpfteppich „Teatro“ im Foyer des Kronprinzenpalastes. Foto © Rose Wagner

Knüpfteppich „Teatro“ im Foyer des Kronprinzenpalastes. Foto © Rose Wagner

Versaces Wohnaccessoires waren für den neureichen Luxusmarkt gedacht.

Die Ausstellung krankt daran, dass sie sich ausschließlich auf die Leihgaben von vier Sammlern stützt. Das Modehaus Versace und sein Archiv sind nicht beteiligt und auch kein Museum, obgleich das Kunstgewerbemuseum Berlin Versace-Modelle besitzt, darunter ein Exemplar des berühmten Sicherheitsnadel-Kleides, mit dem die – damals noch unbekannte – Schauspielerin Liz Hurley im Jahr 1994 bei einer Filmpremiere Aufsehen erregte.

„Sicherheitsnadel-Kleid“, Kulturforum Berlin. Foto © Rose Wagner

„Sicherheitsnadel-Kleid“, Kulturforum Berlin. Foto © Rose Wagner

Die Ankaufsentscheidungen der Versace-Sammler scheinen eher von persönlichem Geschmack, wirtschaftlichen Erwägungen und Zufällen bestimmt gewesen zu sein, als von Gesichtspunkten wie Chronologie, Vollständigkeit oder Stilentwicklung.

Barock-Muster auf Seide, 1991. Foto © Rose Wagner

Barock-Muster auf Seide, 1991. Foto © Rose Wagner

In der Ausstellung sind viele bemerkenswerte Stücke zu sehen, die Bedeutsames aussagen könnten, wenn man sie denn unter einem spezifischen Aspekt betrachtete. Leider werden die Exponate vielfach nivellierend nebeneinander gestellt. Es fehlen Kontext und Fragestellungen. Im Saal „Diversity“ drängen sich die Teile, auch die Raumteiler in Schwarz und Weiß und die unterschiedlichen Schaufensterfiguren – mal mit, mal ohne Kopf, mal kreideweiß, mal metallisch dunkel – bringen keine Ruhe in die Ansammlung, nichts wird beispielhaft hervorgehoben und besonders gewürdigt. Die Exponate streiten sich um die Aufmerksamkeit der Besucher. Der Saal wirkt wie ein Warendepot mit einer Ansammlung von Versace-Vintage-Teilen.

Blick in den Saal „Diversity. Foto © Rose Wagner

Blick in den Saal „Diversity. Foto © Rose Wagner

Die Gianni Versace Retrospective setzt bei den Besuchern viel von dem Wissen voraus, das sie vermitteln möchte. Gerade weil die Ausstellung mit informativen Hinweisen geizt, regt sie dazu an, sich anderswo und anderweitig intensiver mit dem „Jahrhundert-Designer“ Versace zu beschäftigen.

Man muss den Mut der Ausstellungsmacher bewundern, die in eineinhalb Jahren mit begrenzten Mitteln und Möglichkeiten diese Schau auf die Beine gestellt haben. Mit einer Modeausstellung in einem Museum – als Ort des Lernens, der Erkenntnis und der Muße – lässt sich die Ausstellung nicht vergleichen, aber diesen Anspruch erhebt sie auch nicht. Sie betont eher  die Aspekte Lebensstil und Konsum – und die sind im Zusammenhang mit Mode und  Versace nicht unwesentlich.

Titelfoto: Medusen-Köpfe und Mäander-Kette auf Seide, 1990er Jahre. Foto © Rose Wagner